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Michael Hüther
War's das jetzt?

KONJUNKTUR I Unerwartet ist der Aufschwung zurück in Deutschland. Doch ein Selbstläufer ist er nicht

Warum ist nach dem Höhepunkt der Krise nicht alles ganz anders, als es vorher war? Diese Frage drängt sich im Lichte der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung auf, wenn man sich an die Erwartungen und Befürchtungen aus dem Jahr 2009 erinnert. Die Krise, so damals die Einschätzung, werde grundlegende strukturelle Veränderungen zur Folge haben. Das "Geschäftsmodell Deutschland" stehe auf dem Prüfstand und werde mit Sicherheit nicht ungeschoren davon kommen. Dahinter stand das Erleben, dass Deutschlands Unternehmen wegen ihrer insgesamt starken Exportorientierung besonders vom Verfall der globalen Nachfrage betroffen waren. Damit verband sich die These, die Krise habe als Phänomen globaler Überinvestition sehr viel mehr als gemeinhin beachtet ihren Ursprung in realwirtschaftlichen Zusammenhängen. In diesem Fall hätte sich die deutsche Wirtschaft tiefgehend und anhaltend anpassen müssen - mit der Gefahr einer lange Zeit schrumpfenden gesamtwirtschaftlichen Leistung in den Industrieländern.

Steiler Aufstieg

Das tatsächliche Bild ist im Herbst 2010 ein anderes: Die deutsche Wirtschaft erholt sich kräftig und nachhaltig (siehe Kasten), der tiefe Absturz wird durch einen steilen Anstieg kompensiert und der Produktivitätsverlust des Vorjahres dadurch wettgemacht. Auch der Arbeitsmarkt zeigt sich erstaunlich robust. Plötzlich steht das "Geschäftsmodell Deutschland" nur in randständigen politischen Debatten noch zur Disposition. Dennoch müssen wir einmal genauer hinsehen und uns fragen: Welche Strömungen treiben die deutsche Wirtschaft, warum wirken sie hier stärker als andernorts, und: Wie weit werden sie tragen?

Der derzeitige Aufschwung ruht auf zwei Säulen. Eine dieser Säulen ist das Verhalten der Unternehmen in der Krise. Zum einen haben sie die Zeit des dramatischen Nachfrageverfalls dazu genutzt, umfassend ihre Kostenstrukturen zu durchleuchten und massiv anzupassen. Dafür gab es Spielraum, denn der vorherige Aufschwung hatte wie gewöhnlich dazu geführt, dass manche Kostenstelle weniger diszipliniert bewirtschaftet wurde. Zum anderen konnten die Unternehmen in dieser Konjunkturkrise erstmals die flexibler gewordenen Strukturen am Arbeitsmarkt nutzen; Arbeitszeitkonten und Zeitarbeit erlaubten im Zusammenspiel mit der veränderten Kurzarbeiterregelung, die Beschäftigung soweit wie möglich stabil zu halten. Offenkundig waren - dies erfasst die zweite Säule des Aufschwungs - die globalen Megatrends im Strukturwandel durch die Krise nie wirklich gefährdet, sondern nur in ihrer Wirkungskraft ausgesetzt. Das gilt für die internationale Arbeitsteilung, die demografische Entwicklung und die Urbanisierung, die Ressourcenknappheit und den Klimawandel, den technischen Fortschritt und die neue Wertschöpfung durch die Informationstechnologie ebenso wie für den Investitionsbedarf für die Infrastruktur. Die Krise hat hier nicht wie ein Strukturbruch gewirkt, sondern als Wachstumspause. Erstaunlicherweise haben die Unternehmer dies bereits im Krisenjahr 2009 ganz überwiegend so gesehen. Die globale Verunsicherung wurde und wird als Finanzmarktphänomen bewertet, insofern ist die Krise "back to the roots"! Die These globaler Überinvestitionen hat sich als irrig erwiesen. Doch wie nachhaltig ist der erneut eingeschlagene Wachstumspfad?

Diese Frage lenkt den Blick auf die besondere Position Deutschlands in der internationalen Arbeitsteilung und die dahinter stehende starke Industrieprägung unseres Landes: Während der Industrieanteil an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung vor der Krise in Frankreich nur noch bei 13,4 Prozent lag (1995: 18,9 Prozent), erreichte er in Deutschland 25,9 Prozent (1995: 25,4 Prozent). Auch in den meisten anderen europäischen Volkswirtschaften sank der Industrieanteil in den vergangenen 15 Jahren stetig; in Deutschland blieb er hingegen stabil. Diese Stabilität beruht zweifellos auf dem Exporterfolg der deutschen Industrie, der sich seit Beginn des Jahrtausends nochmals verstärkte. Getrieben durch die hochdynamischen Aufholprozesse der Schwellen- und Entwicklungsländer gelang es vor allem den Herstellern von Investitionsgütern, ihre Position in diesen Märkten weiter zu stärken. Seit Anfang des Jahrtausends erhöhte sich der Anteil der Schwellenländer am deutschen Export von 19 auf 29 Prozent. Gut 31 Prozent der deutschen Investitionsgüterexporte gehen in diese Region, Anfang des Jahrzehnts waren es gut zehn Prozentpunkte weniger. Diese Muster des Erfolgs tragen nun wieder ungeschmälert.

Der Befund ist freilich kein Anlass zur Euphorie, denn er wird von verschiedenen Seiten gefährdet. Natürlich ist die Abhängigkeit von den Emerging Markets evident und markiert ein mögliches Risiko. Denn zum einen profitiert gerade China von umfangreichen staatlichen Konjunkturimpulsen, deren Nachhaltigkeit nicht feststeht, und zum anderen entwickeln diese Länder selbst eine zunehmend hochwertige Produktion, die in Konkurrenz zu den deutschen Produkten treten wird. So wird perspektivisch mit den aufholenden Volkswirtschaften der Handel zwischen den Industrien an Bedeutung gewinnen und sich damit die Wettbewerbslage verändern. Allerdings gibt es keinen Grund, die Anpassungsflexibilität und Innovationskraft der hiesigen Wirtschaft an diese Herausforderungen als unzureichend zu bewerten. Im Gegenteil: Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre machen dafür Mut.

Sorge macht hingegen, dass die Wertschöpfung des Industrie-Dienstleistungs-Verbundes in Deutschland sowohl durch den demografischen Wandel - Stichwort Fachkräftemangel - als auch durch die Ressourcenverfügbarkeit gefährdet wird. Allein die Bewältigung dieser angebotsseitigen Probleme wird gewaltige Anstrengungen in Personalentwicklung und Materialforschung erfordern, was einen langen Atem und verlässliche Rahmenbedingungen verlangt. Der Staat ist zum einen durch die Ausbildungsfähigkeit der Schulabgänger und die klare Forderung nach längerer Erwerbstätigkeit im längeren Leben verpflichtet, zum anderen kann er durch eine allgemeine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung der Unternehmen einen wichtigen Beitrag leisten. Zudem sollte er sehr darauf achten, bei der gewünschten Reduktion von CO2-Emissionen und der dazu erforderlichen Umsteuerung in der Energiewirtschaft mit Augenmaß und unter Würdigung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen zu agieren.

Gute Anzeichen

So hängt unsere wirtschaftliche Zukunft trotz aller Globalisierung maßgeblich von dem ab, was wir hierzulande tun. Wir stehen nach den Einbrüchen des vergangenen Jahres vor einer Belebung der Investitionen. Deren Kraft, Nachhaltigkeit und Beschäftigungswirkung wird wesentlich davon abhängen, ob die Politik den Schwenk zur Angebotsorientierung schafft und die benannten Probleme effektiv angeht.

Die Anzeichen sind so schlecht nicht. Die Haushaltskonsolidierung kommt voran, bedarf aber der disziplinierten Fortführung und Stärkung. Die Regulierung der Finanzmärkte schreitet ebenfalls voran, wenngleich noch Handlungsbedarf besteht und vor allem eine unabhängige und selbstbewusste Finanzaufsicht bislang fehlt. Die Lohnpolitik muss noch zeigen, ob sie die Vernunft aus der letzten Dekade auch über die Krise zu retten vermag. Gelingt es, den krisenbedingten Investitionsstau aufzulösen und zugleich über die Investitionsschwäche früherer Jahre hinauszugehen, dann besteht zugleich die Chance, über eine stärkere Kapitalbindung in Deutschland die mitunter diskutierten außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte zu mindern. Doch erneut: Ein Selbstläufer ist das nicht!

Der Autor ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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