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ORTSTERMIN: AUSSTELLUNG VON GUNDA FÖRSTER
Stefan Kesselhut
»Etwas Leichtes, Flüchtiges, Vergängliches«

Der Raum liegt im Halbdunkel. Man sieht kaum mehr als die Lichtkegel zweier Scheinwerfer, die sich in suchenden Bewegungen über die Wand tasten. Die Installation der Künstlerin Gunda Förster erzeugt ein Gefühl des Ausgeliefertseins und Beobachtetwerdens.

Um diesen Eindruck zu erreichen, sind keine weiteren Informationen nötig. Erfährt man allerdings, dass der Ort der Ausstellung, der Kunst-Raum des Bundestages im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, am Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze mit Mauer und Todesstreifen liegt, bekommt diese Arbeit von Gunda Förster einen konkreten historischen Aspekt. Die Scheinwerfer der Installation verweisen auf die realen Scheinwerfer, die bis zum Mauerfall dazu dienten, Menschen aufzuspüren, die im Schutz der Dunkelheit nach Westberlin flüchten wollten - und gegebenenfalls in ihrem Licht auf sie zu schießen.

Gunda Förster hatte bei einem Kunst-am-Bau-Wettbewerb für ein neues Bundestagsgebäude, das zurzeit an der Ecke Dorotheen-/Wilhelmstraße entsteht, den ersten Preis für die künstlerische Gestaltung eines Tunnels unter der Wilhelmstraße bekommen. Dieser verbindet das Gebäude unterirdisch mit den anderen Parlamentsbauten in der Umgebung. Anstelle einer simplen künstlichen Beleuchtung soll eine künstlerische Beleuchtung durch Försters Arbeiten treten - allerdings nicht durch die Scheinwerfer-Installation, sondern LED-Linien, die an Sonnenlicht erinnern.

In der Ausstellung "Kunst und Architektur" hatte der Kunst-Raum des Deutschen Bundestages bereits eine größere Zahl an Vorschlägen für die Gestaltung des neuen Gebäudes präsentiert, die in dem ausgelobten Wettbewerb vordere Plätze belegt hatten ("Das Parlament" berichtete in der Ausgabe Nr. 32/33). Jetzt haben sich Andreas Kaernbach, der Kurator der Kunstsammlung des Bundestags und Gunda Förster dazu entschieden, in einer Einzelausstellung auch andere Werke der Künstlerin auszustellen. "Der Kunst-Raum bietet die Möglichkeit, auf einzelne Künstler den Spot zu richten", sagt Kaernbach. Die geplante Tunnel-Arbeit lasse sich nur richtig einordnen und verstehen, wenn man auch andere Arbeiten der Künstlerin kenne. Etwa die in Blautönen gehaltenen großformatigen Bilder (siehe Foto). Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass es sich nicht um abstrakte gemalte Strukturen handelt, sondern das Förster hier Fotos aus einem Video präsentiert, die im Moment einer schnellen, ruckartigen Bewegung entstanden sind.

Die Berliner Künstlerin beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit dem Thema Licht und verwendet es als Gestaltungsmittel. Meist arbeitet sie dabei mit Installationen, die Lichteindrücke im Raum herstellen, gelegentlich verwendet sie auch Dias, Videos und Fotos. Förster hat in den vergangenen Jahren einige öffentliche Gebäude mit Licht gestaltet; permanente Installationen der Absolventin der Universität der Künste in Berlin sind zum Beispiel am Rathaus der kanadischen Stadt Vancouver und an Brücken in Nizza und Lippstadt zu sehen.

Vor allem böten Försters Arbeiten die Gelegenheit, dem Pathos und der Massivität der Regierungsgebäude, etwas Leichtes, Flüchtiges und Vergängliches gegenüberzustellen, findet der Kurator des Bundestages. Was Kaernbach meinen könnte, illustriert die Arbeit "Emerge": Eine Lichtquelle wirft immer nur punktuell Striche, Bögen, Punkte, Linien an die Wand. Für kurze Zeit, vielleicht eine Sekunde, sind sie zu sehen, verschwinden wieder, dann wird ein neuer Lichtpunkt auf die Wand projiziert. Zusammengesetzt ergeben die einzelnen Projektionen Buchstaben und Wörter: "zeitloses Licht - vergessene Bilder - zeitlose Bilder - vergessenes Licht".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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