Inhalt

Kata Kottra
Kreuz und quer

GLAUBEN Christliche Politiker gibt es in allen Fraktionen: Was heißt das für ihre Entscheidungen bei Fragen nach Leben und Tod?

Als der Bundestag im Mai 2009 über die Spätabtreibung entschied, fiel das Wort "Christ" nur einmal in der Debatte. Es ging damals um die Frage, wie man schwangeren Frauen helfen kann, die erfahren, dass ihr Kind behindert sein wird. In vielen Fällen entscheiden sich Frauen dann für eine Abtreibung. Manche berichten, dass sie von den Ärzten regelrecht zu dieser Entscheidung gedrängt worden seien.

Abgeordnete aus verschiedenen Fraktionen fanden, dass sich an dieser Situation etwas ändern müsste. In der Debatte argumentierte kaum einer von ihnen mit seinem Glauben - doch auffällig ist, wie viele christliche Abgeordneten aus unterschiedlichen Fraktionen bei diesem Gesetz schließlich zusammenfanden. Einer von ihnen war Johannes Singhammer, Münchner CSU-Politiker und gläubiger Christ. Der 57-Jährige blickt aus seinem Büro über die Spree. Über seinem Schreibtisch hängen Bilder, die ihn mit Helmut Kohl zeigen, mit Franz-Josef Strauß und bei Audienzen beim Papst. Nach Rom fuhr Singhammer auch, als er im Bundestag für eine Neuregelung bei der Spätabtreibung kämpfte. Benedikt XVI. habe das Gesetzgebungsverfahren sehr genau verfolgt, erzählt er, sein Zuspruch habe "sehr stärkend" auf ihn gewirkt.

»Der Mensch ist ein freies Wesen«

Christliche Politiker spielten damals eine wichtige Rolle, als sich eine Mehrheit für den Gesetzentwurf fand, die über einzelne Fraktionen hinausging. Die SPD-Politikerin Andrea Nahles beispielsweise, von der Singhammer sagt: "Ich habe mit ihr in der Spätabtreibungsdebatte gut zusammengearbeitet und großen Respekt vor ihr gewonnen". In dem Buch "Frau - gläubig - links", das Nahles vergangenes Jahr veröffentlichte, schreibt sie: "Es gibt Gewissensfragen, bei denen ich mich über die Fraktionsgrenzen hinweg als Christin positioniere."

Wie viele Christen, Muslime oder Konfessionslose es unter den Abgeordneten gibt, weiß man nicht genau, seine Religionszugehörigkeit muss keiner angeben. Der Andachtsraum des Bundestages steht jedenfalls allen Gläubigen zum Gebet offen. Es sind vor allem die Fragen nach Leben und Tod, bei denen die persönlichsten Überzeugungen der Abgeordneten - so auch ihr Glauben - eine große Rolle spielen. Doch selbst die christlichen Abgeordneten kommen in ethischen Fragen zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Besonders deutlich wird das bei Gewissensentscheidungen wie über die Spätabtreibung. Bei den Abstimmungen gilt hier keine Fraktionsdisziplin.

Mechthild Rawert zum Beispiel hat damals nicht mit Andrea Nahles gestimmt, obwohl sie wie diese Sozialdemokratin und Katholikin ist. Trotzdem hat die 53-Jährige gegen eine obligatorische dreitägige Bedenkzeit bei Spätabtreibungen votiert. "Viele Frauen haben schon intensiv mit sich gerungen, bevor endgültig feststeht, dass sie ein behindertes Kind bekommen würden. Sie müssen dann die Freiheit haben, sich verantwortungsvoll für einen Abbruch zu entscheiden", ist sie überzeugt. Dass die katholische Kirche, der sie angehört, in dieser Frage eine andere Position hat, sieht sie gelassen. "Es ist eine der befreienden Botschaften von Jesus Christus, dass der Mensch ein freies Wesen ist, das seine Entscheidungen selber zu verantworten hat", sagt Rawert. Auch mit ihrer Partei sei sie sich schließlich nicht in allen Fragen einig.

Rawert wuchs im traditionell katholisch geprägten Münsterland auf, ihre Mutter erzog die sieben Kinder zum Glauben - und zum gesellschaftlichen Engagement. Mit 23 ging die Tochter - zum Schrecken der Mutter - ins wenig christlich geprägte Berlin, wo Rawert für den Sozialdienst katholischer Frauen arbeitete. Sie organisierte Seminare für Mütter, die nach der Kinderpause nach neuer Orientierung suchten; der Sozialdienst beriet auch schwangere Frauen, die über eine Abtreibung nachdachten. Der Glaube sei eben ein Teil ihres Lebens, sagt Rawert - die "Parteinahme für Frauen" der andere. Was beispielsweise die Anerkennung von Frauen angeht, habe die katholische Kirche noch einigen Nachholbedarf.

Auch Lukrezia Jochimsen von der Linkspartei ist gläubige Christin, auch sie hat - wie Mechthild Rawert - gegen eine dreitägige Bedenkfrist vor einer Spätabtreibung gestimmt, so wie ihre gesamte Fraktion. "Für mich hat Abtreibung überhaupt nichts mit dem Glauben zu tun", sagt sie. Abtreibung sei eine "große Tragödie im Leben einer Frau". Dabei brauche sie Unterstützung, aber ihre Entscheidung müsse sie selber treffen. Ob weibliche Selbstbestimmung ihr in diesem Fall wichtiger sei als die Position der evangelischen Kirche, der sie angehöre? "Ja, natürlich", sagt Jochimsen.

»Die Kirche will dich gar nicht«

Viele haben die 74-jährige Kulturpolitikerin der Linkspartei kennengelernt, als sie vor ein paar Monaten - neben Christian Wulff und Joachim Gauck - für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte. Die turbulente Geschichte, die die gebürtige Nürnbergerin mit der Kirche verbindet, kennen wenige: Jochimsens Mutter war eine "fromme Lutheranerin", ihr Vater kam traumatisiert und als Atheist aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Diskussionen über den Glauben prägten ihr Elternhaus. Als 1964 ihr Sohn getauft wurde, verbanden Jochimsen und ihr damaliger Mann das mit einer kirchlichen Hochzeit und ihrer nachträglichen Konfirmation. Als Jugendliche war Jochimsen wegen ihrer "frechen Fragen" aus dem Konfirmationsunterricht geflogen. Acht Jahre später kehrte die damals 36-jährige Journalistin der evangelischen Kirche den Rücken: 1972 hatte sie als Reporterin von einer Synode der Nordelbischen Kirche berichtet, wo sich die Kirchenoberen nach langen Diskussionen dagegen entschieden, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. "Ich hatte das Gefühl, diese Kirche will dich gar nicht als Frau, also gehe ich da raus." 26 Jahre später, da gab es in der evangelischen Kirche schon Bischöfinnen, trat sie der Kirche wieder bei.

So stürmisch verlief das Verhältnis von Hans-Michael Goldmann zur katholischen Kirche nicht. Der 64-jährige FDP-Abgeordnete mit dem grauen Schnauzer stammt aus dem katholisch geprägten Emsland und leitet im Bundestag den Landwirtschaftsausschuss. Wie Jochimsen kennt er allerdings das Gefühl, sich als Christ in seiner Partei zuweilen in der Minderheit zu fühlen. In der Debatte um die Spätabtreibung stimmte zwar der größere Teil der FDP-Fraktion - auch Goldmann - für die Drei-Tages-Frist. In der Debatte erwähnte Goldmann allerdings auch, dass er "als katholischer Christ in der FDP" einige Kritik ertragen musste, als er in den 90er Jahren für eine Fristenregelung bei der Abtreibung eintrat. Damit war er der Einzige, der in der Debatte im Mai 2009 seinen Glauben offen thematisierte. Heute erinnert er sich daran, dass viele FDPler in den 90er Jahren bei der Reform des Paragrafen 218 für eine liberalere Regelung plädierten. "Aber ich war nie der Meinung, dass diese Entscheidung alleiniges Mutterrecht ist", sagt er. "Den Slogan `Mein Bauch gehört mir´ fand ich zu flach."

Ob Katrin Göring-Eckardt sich manchmal auch zwischen ihrer Partei - den Grünen - und ihrer Kirche - der evangelischen - hin- und hergerissen fühlt? "Nein, aber als Christin denke ich natürlich mit einer bestimmten Haltung über Entscheidungen nach." Bei der Abstimmung über die Spätabtreibung fiel ihr die Abwägung nicht schwer. Dabei sind der Vizepräsidentin des Bundestages frauenpolitische Themen wichtig, genau wie Rawert und Jochimsen. Doch sie habe nicht das Gefühl, dass Frauen durch die Drei-Tage-Frist unter Druck gesetzt würden, ein behindertes Kind zu bekommen. "Sie wurden vorher unter Druck gesetzt, das Kind nicht zu bekommen", sagt sie. Göring-Eckardt gehört zu den Politikern, die auch in der Kirche eine wichtige Rolle spielen: Seit einem Jahr ist sie Präses der EKD-Synode, also so etwas wie die Parlamentspräsidentin der evangelischen Kirche. 1966 wurde sie in Thüringen geboren, studierte in der DDR Theologie und schloss sich 1989 der Opposition an, deren Mitglieder "sehr kirchennah" waren. "Der Glauben hat uns damals dazu gebracht, frei zu denken und anders zu handeln", sagt sie. Das sei eine Erfahrung, die man im Leben nur einmal mache - ein Geschenk. Politische Entscheidungen nehme ihr der Glauben allerdings nicht ab: "Man kann mit der Bergpredigt nicht über die Gesundheitsreform abstimmen, und wir finden in der Bibel keine Anleitung für einen Kompromiss in der Atompolitik." Die "Freiheit des Christenmenschen", die Martin Luther beschworen habe, bedeute eben auch, dass man seine Entscheidungen selber verantworten müsse: vor sich, vor anderen Menschen und vor Gott.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag