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Beate Wagner
Eine sehr persönliche Angelegenheit

Pränatale Diagnostik Immer mehr Schwangere machen zusätzliche Tests

96 Prozent aller Kinder kommen gesund zur Welt! Diesen Fakt sollten sich alle werdenden Eltern klarmachen. Denn oft wird die erste Freude über die Schwangerschaft schnell durch die Sorge getrübt, dem Baby könnte etwas fehlen.

Die Nachfrage nach der so genannten pränatalen Diagnostik (PND) steigt seit Jahren. Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge nehmen heute 85 Prozent der Schwangeren private Zusatzleistungen in Anspruch. Führten Ärzte in den 1970er Jahren gerade mal 171 Fruchtwasseruntersuchungen durch, waren es 2004 schon 61.000. Die PND sucht gezielt nach Auffälligkeiten beim Ungeborenen. Doch welche Tests sind sinnvoll, welche gefährlich und wer hilft bei der Entscheidung? "Meist werden mit der PND Wachstums- und Stoffwechselstörungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Blutgruppenunverträglichkeiten oder die Folgen von Diabetes erkannt", sagt Klaus Vetter, Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin des Vivantes Klinikums Neukölln in Berlin. "Die genetische Diagnostik zur Erkennung anlagebedingter Besonderheiten macht nur einen sehr kleinen Teil aus."

Durchschnittlich liegt das Risiko, ein Kind mit einer besonderen Anlage zu bekommen, bei drei Prozent. Dennoch dürfte genau die Angst davor für viele Frauen der Grund sein, zusätzliche Tests zur allgemeinen Schwangerenvorsorge zu machen. Die Kasse bezahlt drei Ultraschalluntersuchungen (in der 8. bis 12., 18. bis 22. und 28. bis 32. Woche). Etwa 40 Prozent der Frauen lassen heute zudem die Nackenfalte ihres Babys messen. Ist sie verdickt, kann das ein Hinweis auf ein Down-Syndrom oder einen Herzfehler sein. Um die Erkennungsrate zu erhöhen, wird die Nackentransparenz mit einem Bluttest kombiniert, der Hormon- und Eiweißwerte bestimmt.

Statistisches Risiko

Der Computer errechnet aus den Werten, dem Alter der Frau und der Dauer der Schwangerschaft und weiteren Befunden ein statistisches Risiko. Der so genannte Ersttrimester-Test zeigt also an, wie wahrscheinlich es ist, dass das Kind zum Beispiel das Down-Syndrom haben kann. Sicherheit in Bezug auf genetische Besonderheiten bringen hingegen invasive, also in den Körper eindringende, Methoden. Bei der Amniozentese wird Fruchtwasser durch die Bauchdecke der Frau entnommen, die gewonnenen Zellen werden einer Chromosomenanalyse unterzogen. "Das Verfahren bringt zwar Klarheit, birgt aber auch die seltene Gefahr einer Fehlgeburt", sagt Vetter. Von 1.000 Schwangeren verlieren fünf bis zehn Frauen nach der Fruchtwasseruntersuchung ihr Kind. Einen Ausweg aus dem Dilemma könnte die direkte Gewinnung einzelner fetaler Zellen aus dem mütterlichen Blut sein, die dann angereichert und einer DNA-Analyse unterzogen werden. Erste wissenschaftliche Resultate gab es hierzulande bereits vor knapp zwanzig Jahren.

Bis solche Tests in der Praxis ankommen, dürfte es noch dauern. Die Nachfrage nach sicheren Methoden der pränatalen Diagnostik wird bis dahin nicht verebbt sein. Schon heute brechen mehr als 90 Prozent der Frauen, die mittels PND die Diagnose Down-Syndrom bekommen, die Schwangerschaft ab. Dass die PND einmal dazu führen könnte, dass es keine Kinder mit Down-Syndrom mehr geben wird, glaubt Vetter nicht: "Es wird immer Tests geben, die versagen und Frauen, die sich nicht testen lassen oder sich trotz Befund für ihr Kind entscheiden." Das Wichtigste sei, dass werdende Eltern umfassend und individuell beraten werden. "Wir müssen ihnen helfen, nicht nur die Risikozahlen zu verstehen, sondern vor allem zu klären, was sie wissen oder nicht wissen wollen." Der Rest sei eine sehr persönliche Sache.

Die Autorin ist Medizinjournalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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