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Susanne Kailitz
Wenn Frühchen sterben

Neonatologie Schwere Entscheidung für Eltern und Ärzte

Als Mara starb, lag sie auf der Brust ihrer Mutter. Sieben Tage lang hatte das Mädchen gekämpft - und schließlich verloren. Die Ärzte, die das Frühchen behandelten, hatten damit gerechnet: Zwölf Wochen zu früh war Mara auf die Welt gekommen, mit einem Gewicht von 550 Gramm. Dass sie sich ins Leben kämpfen könnte, schien von Anfang an eher aussichtslos - Wassereinlagerungen, eine Darmentzündung und schließlich schwere Hirnblutungen nahmen Mara die Kraft. Gemeinsam mit den Ärzten entschieden ihre Eltern, das Mädchen gehen zu lassen.

Wenn Frühchen sterben, ist das für ihre Eltern der schlimmste Tag des Lebens - und es verlangt auch den behandelnden Ärzten viel Kraft ab. Seit drei Jahren ist Stefan Seeliger Oberarzt der Göttinger Kinderklinik und er kann sich an jedes Kind, das er in dieser Zeit verloren hat, genau erinnern. "Ich spreche dann viel mit den Mitgliedern des Teams und anderen Neonatologen, gehe immer wieder im Kopf durch, ob das, was wir gemacht haben, auch das Richtige war." Denn das ist oft eine Gratwanderung, die umso schwieriger ist, je jünger die kleinen Patienten sind. In Deutschland wird für Frühgeborene, die nach einer Schwangerschaftsdauer von mindestens 24 Wochen geboren werden, alles nur Mögliche getan - sie werden beatmet, bekommen Transfusionen Operationen. Doch während klar ist, dass Kinder, die nach einer Schwangerschaftsdauer von weniger als 22 Wochen auf die Welt kommen, nicht überleben können und deshalb nicht reanimiert und therapiert werden, müssen Ärzte und Eltern bei Frühchen nach einer Schwangerschaftsdauer von 22 oder 23 Wochen im Einzelfall entscheiden, ob die Kinder eine lebenserhaltende Therapie bekommen. So sehen es in Deutschland die Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell- schaften vor. "Ich persönlich", so Seeliger, "plädiere eher für Therapie. Es gibt sicher Kollegen, die da zurückhaltender sind." Denn das, was die Ärzte vorschlagen, muss nicht nur medizinisch machbar sein. Ihr Kind an Apparate angeschlossen zu sehen, mit Schläuchen im Körper und der Aussicht auf schwerste neurologische Behinderungen, ist nichts, was alle Eltern ertragen.

In der Berliner Charité machen die Ärzte ihre Entscheidung über die Therapie der Frühchen vom Wertesystem der Eltern abhängig. "Es gibt Eltern, die ihr Kind als Geschenk Gottes begreifen und wollen, dass alles Menschenmögliche getan wird. Andere können sich nicht vorstellen, mit einem sichtbar behinderten Kind zu leben", so Christoph Bührer, Leiter der Neugeborenen-Medizin an der Charité. Zur Entscheidungsfindung trage auch ein Programm des US-amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development Neonatal Research Network bei, bei dem Daten von mehr als 4.000 Frühgeborenen unter 1.000 Gramm gesammelt wurden und das Prognosen erlaubt in Bezug auf Überleben und Behinderungen. Entscheiden Ärzte und Eltern dann gemeinsam, dass für das Kind nichts getan werden soll, wird es nach der Geburt auf die Brust seiner Mutter gelegt, wo es verstirbt. Schwieriger noch, als Kinder gar nicht zu behandeln, ist es für Ärzte, eine einmal begonnene Therapie abzubrechen, so Bührer. "Wenn alle behandelnden Ärzte und Pflegekräfte zu dem Schluss kommen, dass man für ein Kind nichts mehr tun kann, entscheiden wir gemeinsam mit den Eltern über das Abstellen der Geräte." Mit Opiaten wird dafür gesorgt, dass die Kinder ohne Schmerzen sterben können. Dass die Familien diesen Abschied bewusst erleben, ist für Chefarzt Bührer besonders wichtig. "Diese Kinder werden für ihre Familien immer präsent sein. Ihr Leben war kurz, aber nicht minder wertvoll."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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