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Tatjana Heid
Geschichten, die das Leben nicht mehr schreibt

BESTATTUNGSKULTUR Vom Zwang zu sparen und dem Wunsch, auch nach dem Tod als Individuum wahrgenommen zu werden

"Hier liegen meine Gebeine, ich wollt' es wären deine." Als der Schriftsteller Karl Julius Weber vor seinem Tod diese Worte als Grabinschrift wählte, wollte er seinem Ruf als Satiriker offenbar gerecht werden. Seine Familie ersetzte die Worte nach seinem Ableben 1832 allerdings durch ein weniger bissiges "Erbarm dich mein!" Auch das Grab von Oscar Wilde auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris spiegelt die Extravaganz des Schriftstellers: Ein weißer Stein, übersät mit Kussmündern, bewacht von einem Engel mit überdimensional großen Flügeln. Der Mann, dessen letzte Worte angeblich "Entweder geht diese scheußliche Tapete oder ich" waren, hätte seine Freude daran gehabt. Nicht weit von ihm entfernt liegt Sänger Jim Morrison bestattet. Seine griechische Grabinschrift bedeutet soviel wie "Gemäß seinem Dämon". Statt Blumen machten lange Zeit Flaschen und Spritzen am Grab deutlich, welcher Dämon ihn letztlich das Leben gekostet haben wird.

Mittlerweile sind Grabinschriften größtenteils standardisiert - Name, Geburtstag, Todestag - und wenig aussagekräftig. Nicht mehr die Gräber erzählen die Geschichte der darin Bestatteten, sondern vielmehr die Form der Bestattung. Oftmals gibt es keinen Grabstein mehr, manchmal sogar nicht einmal mehr ein Grab.

Das Thema Tod war nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland lange Zeit tabu. Der Umbruch begann erst mit der Hospizbewegung und der HIV-Selbsthilfe: Tod und Sterben wurden offensiv thematisiert. Als Folge entwickelten sich seit den 1980er Jahren immer neue, teils sehr unterschiedliche Bestattungsformen.

Zwischen Natur und Discount

Schon die klassische Erdbestattung bietet zwei Möglichkeiten: Einzelgrab oder Gemeinschaftsgrab einerseits, Reihen- oder Rasengrab andererseits. Daneben können die Särge in Mausoleen oder Grüften untergebracht werden. Neuester Trend: die so genannte Naturbestattung, bei der Urnen beispielsweise in den Wurzelbereich eines Baumes gesetzt werden. Für Naturfreunde eine Möglichkeit, ihren Vorlieben auch nach dem Tod nachzukommen. Der erste Friedwald in Deutschland entstand 2001 in der Nähe von Kassel. Seitdem sind rund 100 hinzugekommen. Die in Deutschland weit verbreitete Natursehnsucht schlägt sich auch in dem wachsenden Wunsch nieder, die Asche von den Angehörigen verstreuen zu lassen - beispielsweise in den Bergen oder über einem See. Eine bereits etablierte Form der Bestattung ist die Seebestattung, in Deutschland meist in der Nord- oder Ostsee.

Auch die Zahl der Menschen, die sich wünschen, dass ihre Asche von Angehörigen zu Hause aufbewahrt wird, steigt. Eine gewisse Tradition hat in Deutschland die Körperspende, etwa an anatomische Institute.

Plastination

Eine etwas exotischere Form der Spende ist die zu Plastinationszwecken. Bekanntestes Beispiel ist die Körperwelten-Ausstellung des Mediziners Gunther von Hagens. Gleichermaßen ausgefallen: die Diamantbestattung, bei der ein Diamant aus der Asche des Toten gepresst wird.

Nicht jede Bestattungsform ist in Deutschland erlaubt: Es herrscht Friedhofzwang. Daher haben sich zahlreiche, teils illegale, teils halblegale Wege entwickelt, um diesen zu umgehen. Beispielsweise indem der Leichnam außerhalb Deutschlands eingeäschert oder die gesamte Bestattung im Ausland abgewickelt wird. Dabei sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt: Fußballfans können sich in einem Stadion in den Niederlanden oder in Großbritannien bestatten lassen, gut betuchte Naturfreunde an der Küste Floridas in einem künstlichen Korallenriffen versenken lassen.

Die verschiedenen Möglichkeiten der Bestattung spiegeln den Wunsch der Menschen, ihrer Individualität auch nach dem Tod Ausdruck zu verleihen. Zu Lebzeiten wird Vorsorge für das Sterben getroffen. Bestattungsformen wie die Diamantierung oder die Plastination weisen gar auf den Versuch hin, der eigenen Vergänglichkeit entgegenzutreten und, im Extremfall, dem Körper zur Unsterblichkeit zu verhelfen.

Konträr dazu hat sich in den vergangenen Jahren der Trend zu anonymen Bestattungen verstärkt. Etwa ein Viertel aller Bestattungen findet in Deutschland anonym statt - vor allem in Großstädten, allen voran Berlin. Die Gründe sind vielfältig. Einerseits fällt mit der Abkehr von Kirche und Religion und dem Auflösen familiärer Strukturen der klare Rahmen für Begräbnisse. Das Interesse daran, was mit dem eigenen Leichnam passiert, sinkt. Dem Tod wird mit Gleichgültigkeit begegnet.

Auf der anderen Seite tragen die steigenden Friedhofs- und Bestattungsgebühren von mehreren tausend Euro zu diesem Trend bei: Ein anonymes Rasengrab ist schlichtweg günstig. Und so wählen Menschen oder deren Angehörige diese preiswerte Variante, obwohl sie das unter Umständen gar nicht wollen. Der Wunsch nach einer individuellen Trauerstätte wird den Bestattungskosten geopfert. Gut jeder fünfte Deutsche denkt nach Angaben der Deutschen Hospiz Stiftung über eine kostengünstige Bestattung nach. In Berlin werben Bestatter zunehmend mit Schlagwörtern wie "Discount-Bestattungen" oder "Sarg-Discount".

Virtuelles Gedenken

Zunehmend wird das Internet die Bestattungskultur verändern. Während eine räumliche Grabstätte den regelmäßigen Besuch voraussetzt, ist das Netz weltweit und immer zugänglich. Bereits heute ersetzt manche private Gedenk-Homepage die Traueranzeige in der Zeitung. Als Robert Enke 2009 starb, gab es ungezählte Trauerbekundungen in sozialen Internet-Netzwerken wie facebook. Das virtuelle Gedenken beginnt langsam das Grab als Pilgerstätte zu ersetzen. Dennoch bleibt das christliche Begräbnis, die christliche Bestattungskultur der Maßstab für Deutschland.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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