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Wunsch-Welt

UN-Artenschutzkonferenz 20-Punkte-Programm stellt Weichen für den weltweiten Naturschutz bis zum Jahr 2020

Bis zum Schluss wurde im japanischen Nagoya gekämpft, gestritten und verhandelt. Die Vertreter aus 193 Staaten rangen Ende Oktober zwei Wochen lang um Verbesserungen des globalen Naturschutzes. Und über allem schwebte die eine große Frage: Wer bezahlt für Arten- und Naturschutz?

Doch am Ende stand auch Dank des diplomatischen Geschicks von Japans Umweltminister Ryu Matsumoto das 20-Punkte-Programm der 10. UN-Artenschutzkonferenz. Die Delegierten, darunter die Präsidenten von Gabun und Guinea-Bissau, der Ministerpräsident des Jemens, 122 Minister sowie Vertreter aus Parlamenten und Umweltorganisationen, einigten sich auf entscheidende Maßnahmen zum Erhalt der Natur. Für die mühsame Arbeit der Umwel-Diplomaten wurde schon viel erreicht.

Das Papier gilt als eine Beschreibung, wie die Welt im Idealfall im Jahr 2020 aussehen könnte. Die Der Verlust der Artenvielfalt soll verbindlich gestoppt sein. Jedes Land hat dann einen effektiven Aktionsplan zum Schutz der Biodiversität entwickelt und die Umweltverschmutzung wurde massiv reduziert. Die Frage nach dem Geld beantwortet äußerst optimistisch dann auch Punkt 20 der Vereinbarung: "Die finanziellen Mittel, die nötig sind, um diese Ziele zu erreichen, stehen zur Verfügung."

Lob

Sogar die sonst kritischen Umweltschützer zeigten sich zufrieden mit den Kompromissen und sprachen von "einer starken Botschaft", "einem wichtigen Schritt" oder "einem ambitionierten Rettungsplan". Trotz des wichtigen Themas fehlten aber bei der UN-Konferenz die Staatschefs der großen, reichen Geberländern. Auch war keine Delegation mit vollen Geldsäcken angereist.

Die Situation ist mehr als ernst. Weltweit gelten über 17.000 Tier- und Pflanzenarten als akut bedroht - jede dritte Amphibienart, jede fünfte Säugetierart und jede achte Vogelart steht kurz vor der Ausrottung. Wale, Aale, Tiger, Orang-Utans und Fledermäuse kämpfen um ihr Überleben. Mit den neuen "Welt-Regeln" sollen ihre Lebensräume in Zukunft besser geschützt werden.

»Das große Ganze«

Es ging in Nagoya aber nicht um die Rettung einzelner Tiere oder Pflanzen, sondern um das große Ganze. Behandelt wurden Fragen nach Lebensräumen für bedrohte Tiere, dem Schutz der Meere vor Überfischung und Verschmutzung oder wie man Entwicklungsländer gegen die Profitgier der großen internationalen Konzerne unterstützen kann, die den biologischen Reichtum ausbeuten, aber den Gewinn nicht teilen mögen.

Zu guter Letzt gab es nach zähen Verhandlungen eine Einigung, auf die kaum einer in den Tagen der Diskussionen gehofft hatte. So heißt es in der internationalen Vereinbarung, dass mindestens 17 Prozent der globalen Landfläche (das ist mehr als Europa und Australien zusammen) und zehn Prozent der Meeresfläche bis 2020 unter Schutz gestellt werden sollen - zum Vergleich ist bisher nur ein Prozent der Ozeanfläche geschützt. Außerdem versprachen sich die Abgesandten, das Aussterben von Arten, deren Bedrohung bekannt ist, zu verhindern und die Vielfalt von Kulturpflanzen, Zuchttieren und deren wilden Verwandten zu erhalten. Besonders erwähnt wurde, dass die Verlustrate der Wälder mindestens halbiert, wo möglich auf Null reduziert werden soll.

Erstmalig wurde auch eine Vereinbarung getroffen, um sogenannte schädliche Subventionen einzustellen. Dies betrifft beispielsweise die Bezuschussung von Herstellungsprozessen in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft, die sich aber gleichzeitig negativ auf die Natur auswirken. So wird in den meisten Teilen der Erde zu viel gedüngt. Ein wichtiges Düngemittel ist Stickstoff. Forscher gehen davon aus, dass 60 Prozent des eingetragenen Stickstoffs nicht von der Pflanze aufgenommen werden können. Sie werden ins Grundwasser gespült und belasten die Qualität der Flüsse, Seen sowie des Trinkwasser.

»Biopiraterie«

Als eigentlicher Durchbruch von Nagoya gilt aber ein neuer völkerrechtlich bindener Vertrag, der die Ausbeutung der Natur als kostenloses Gut beenden soll: Vor allem der brasilianische Präsident Lula da Silva hatte in der Vergangenheit heftig gegen die "Biopiraterie" gewettert. Die armen, aber meist arten- und ressourcenreichen Länder sollen künftig an den Profiten teilhaben, die die ausländischen Pharma- und Kosmetikkonzerne mit der Nutzung der Naturstoffe verdienen. Wer das Erbgut einer Pflanze oder eines Tieres nutzt, muss das Herkunftsland am Gewinn beteiligen, wurde beschlossen. Besonders Brasilien wird davon profitieren, da das Land wohl die größte Artenvielfalt beheimatet. Wie viel Geld dies am Ende sein wird, beziehungsweise welche Produkte, Naturstoffderivate und Lizenzen berücksichtigt werden oder auch nicht, wird die Zukunft zeigen.

Doch der gute Wille ist da. Bisher gibt es immerhin eine Zusage, die einheimische Bevölkerung an den Einkünften zu beteiligen, Einwilligungsverfahren zu definieren sowie eine internationale Schieds- und Zulassungsstelle aufzubauen. Auch den Industriestaaten fällt eine Last von Seele und Geldbeutel; sie müssen nicht länger befürchten, dass rückwirkend für bereits genutzte Pflanzen und Tiere gezahlt werden muss.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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