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ORTSTERMIN BEIM: SCHLÜSSELDIENST
Ramona Vogel
»Für Schlüsselsünder: Eine Woche bei Wasser und Brot«

Es gibt nur wenige Menschen unter den rund 6.000 Mitarbeitern der Bundestagsverwaltung, die jeder kennt. Steffen Seifert, Leiter der Schlüsselverwaltung, ist einer von ihnen. Spricht man mit Seifert, denkt man unwillkürlich an das Wappentier seiner Geburtsstadt Berlin, den Bären. Seifert ist groß, stämmig, trägt einen graumelierter Vollbart und ist mit der Berliner Schnauze gesegnet, um die die Hauptstädter in der gesamten Republik beneidet - oder wahlweise gefürchtet - werden. Der Typ Mann, dem man sich ohne Schwierigkeiten auf einem Walfänger vorstellen kann, mit einer Pfeife in der Hand in Seelenruhe den Stürmen der hohen See trotzend. Und tatsächlich: Bevor Seifert 1998 in den damals noch in Bonn tätigen Bundestag kam, war er 14 Jahre als Seemann auf den Weltmeeren unterwegs. Auf Frachtern und Tankern bereiste er die Häfen Europas, Asiens, Nord- und Südamerikas. Brasilien habe es ihm besonders angetan, dort erfuhr der gebürtige Ostberliner vom Mauerfall. 1993 kehrt er dann den Meeren den Rücken und begann im Schlüsseldienst zu arbeiten, der auch für den Bundestag tätig war. Und so stellte er sich vor dem Umzug der Verwaltung nach Berlin mit den Worten vor: "Wenn ihr einen guten Mann braucht, hier ist er!"

Und da ist er nun: Mit einem festen Mitarbeiter und zwei Aushilfen kümmert er sich darum, dass jeder, der im Bundestag arbeitet, auch tatsächlich in sein Büro kommt. Keine kleine Aufgabe: In Seiferts Obhut befinden sich die Schlüssel für das Reichstagsgebäude und die dazugehörigen Liegenschaften. Und Schlüssel gibt es mehr, als man vermuten würde: Für Büros, Sitzungssäle, Schränke, Fenster, Spinde, Rollcontainer, Seifenspender und Schreibtischschränke. Schlüssel gibt es auch für die Flure und Keller, für Sicherheitskästen, Postfächer und selbst für die Flaggenmasten auf den Dächern des Reichtages. "Für die Elektrik. Die riesigen Flaggen kann ja keiner per Hand einholen", erklärt Seifert. Den gesamten Bestand schätzt er auf ungefähr 120.000 Schlüssel. Doch damit nicht genug, von jedem Schlüssel gibt es mehrere Duplikate, die in großen Stahlschränken in seinem Büro lagern. Alle auf rund 40.000 Schlüsselringe aufgeteilt, mit kleinen Schildern beschriftet und sortiert. Um da nicht den Überblick zu verlieren, ist ein aufwendiges Ordnungs- und Sortiersystem nötig. Auf Karteikarten wird vermerkt, wer welchen Schlüssel in seinem Besitz hat. Jeder, der im Bundestag tätig ist, stand schon einmal am Tresen im Büro von Steffen Seifert und musste auf einer der Karten seinen Schlüssel quittieren, beim Chef persönlich oder einem seiner Kollegen. Steffen Seifert mag seine Arbeit, auch wenn viel zu tun sei, das betont er. Ungefähr 20 Leute kommen jeden Tag, um ihren Schlüssel zu holen, tauschen oder abzugeben. Manche scherzen, dass viele auch nur wegen des Bonbonglases auf dem Tresen vorbeischauen. Richtig viel Arbeit kommt in Wahlperioden auf die Schlüsselverwaltung zu, wenn die Abgeordneten - durch Volkes Stimme - gehen müssen oder einziehen dürfen. Besonders die letzte Wahlperiode war anstrengend, berichtet der Schlüsselwächter, weil viele Abgeordnete ihr Mandat und damit auch ihr Büro aufgeben mussten. Da waren er und sein Team ausgelastet: Meist wird erst in dieser Phase klar, welche Schlüssel in den vier Jahren davor verloren gegangen sind. Bei der Verfolgung der "Schlüsselsünder" hilft dann nur Hartnäckigkeit, schnauft Seifert ein wenig, doch seine Ruhe lässt er sich nicht nehmen. Ob er schon einmal einen Schlüssel verloren habe? Das verneint er. "Ich warne die Leute immer: Wenn Sie einen Schlüssel verlieren, gehen Sie eine Woche auf Wasser und Brot. Sehen sie mich an, schaue ich so aus, als wäre ich je eine Woche auf Wasser und Brot gewesen?", lacht er und klopft sich auf seinen Bauch. Die weniger Zuverlässigen würde er trotzdem nie verraten. Denn wem die Schlüssel zum höchsten Verfassungsorgan des Landes anvertraut wurden, muss eine besondere und vertrauenswürdige Persönlichkeit besitzen - Diskretion ist bei Seifert Ehrensache.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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