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Almut Lüder
Der Zeitlose und der Newcomer

Geburtstagskinder Am 1. Dezember wird Heinz Riesenhuber 75. Florian Bernschneider am 15. Dezember erst 24

Seine Arme breitet er auf dem Sofa wie ein Adler die Schwingen aus. So sitzt er das gesamte Gespräch über da. Gelöst, konzentriert, offen - über den Dingen schwebend. Es scheint, als bringe ihn rein gar nichts aus der Ruhe. Doch, im Ministerium sei er schon einmal pro Jahr aus der Haut gefahren. Doch was ist das schon für einen, der ein großes Haus mit vielen Mitarbeitern geleitet hat? Heinz Riesenhuber, der zwischen 1982 bis 1993 Minister für Forschung und Technologie war, gehört sicher nicht zu denjenigen, die mit dem Kopf gegen die Wand laufen.

Die zehn Sterne im Abgeordnetenhandbuch "Kürschner" zeugen von den zehnten Legislaturperiode, die der Hesse bereits erlebt. Seit 34 Jahren gehört er dem Parlament an und ist in der laufenden Legislatur Alterspräsident des Bundestages. Am 1. Dezember feiert der Christdemokrat seinen 75. Geburtstag. Bei der Frage, wann er seine Abgeordnetentätigkeit beenden will, legt er sich nicht fest. Vielmehr beruft sich der Katholik auf seine Großmutter, die eine weise Frau gewesen sei: "Man soll der Gnade Gottes keine Grenzen setzen. Zurzeit mache ich es gerne."

Als Alterspräsident sprach Riesenhuber in der konstituierenden Sitzung des Bundestages auch zu Fragen der Forschung und Technik. Dafür wurde er in den Zeitungen gescholten, er könne nicht von seinem früheren Amt lassen. Getroffen habe ihn das nicht. Zu gut kennt er die harten politischen Winde: "Hier konnte ich einmal das sagen, was mir jenseits des Tagesgeschäfts wichtig ist. Dies hier durch eine konventionelle Rede beliebiger Art zu ersetzen, schien mir eine verschenkte Gelegenheit zu sein." Bei seinen Kollegen in den Koalitionsfraktionen habe er ein positives Echo geerntet. Das sei ihm das Wichtigste.

Markenzeichen

Riesenhuber verkörpert die Zeitlosigkeit. Mit seinen ausgebreiteten Armen auf dem Sofa trotzt er aller Hektik. Und irgendwie trägt er die Zeitlosigkeit ja auch um den Hals: seine Fliegen. "Schleifchen" nennt er sie liebevoll. Als junger Chemiker waren sie im Labor über Säuren und Bunsenbrenner weniger gefährdet als eine Krawatte. Seitdem sind sie sein festes Kleidungsstück. Auf 300 bunte Binder kann der Akademiker zurückgreifen. Hin und wieder finde seine Frau ein neues Prachtexemplar. Heute ist es rot mit hellen Punkten. Nur einen schwarzen Schlips für Traueranlässe besitzt der Christdemokrat. "Da wäre mir das Schleifchen doch zu frohgemut", meint er in seinem Büro des Paul-Löbe-Hauses. Dass ihm mit Karl Lauterbach von der SPD ein weiterer prominenter Fliegenträger Konkurrenz macht, stört ihn nicht: "Da bin ich ganz entspannt."

Entspannt ist auch sein Verhältnis zu den jungen Abgeordneten. Mit viel Achtung spricht er von Anna Lührmann von Bündnis 90/Die Grünen, die ebenfalls aus Frankfurt stammt, 2002 mit 19 Jahren als jüngste Abgeordnete in den Bundestag einzog und im September vergangenen Jahres aus dem Bundestag ausschied: "Ich finde das sehr eindrucksvoll, nach zwei Legislaturperioden etwas Neues zu beginnen", sagt Riesenhuber. Beneidet er die elf jüngsten Abgeordneten unter 30 Jahren? "Ich beneide sie nicht, ich respektiere sie. Wer sich mit 20 Jahren im Wettbewerb in den Parteien durchgesetzt hat, der ist schon einmal eine interessante Frau, ein interessanter Mann. Die Schwierigkeit ist, dass sie mit 20 Jahren, selbst bei hoher Intelligenz und hohem Engagement, vielleicht nicht immer die großen Zusammenhänge erkennen. Nur aus großen Zusammenhängen heraus kann man in der Politik entscheiden."

Zeit zur Besinnung

Anders machen würde Riesenhuber heute "nicht viel". Er habe sich den Bereich Forschung und Technologie ausgewählt, weil er als Naturwissenschaftler etwas davon verstanden habe. Deshalb hat er aber nicht den Ehrgeiz, mit allen technischen Errungenschaften Schritt halten zu müssen. Einen Blackberry besitzt er nicht. "Ich habe versucht, mich von einer ständigen Online-Präsenz zu befreien. Ich arbeite, wenn ich im Büro bin, sehr schnell und sehr intensiv an sehr unterschiedlichen und komplexen Vorgängen. Ich möchte mich ausklinken in Zeiten, in denen ich in Ruhe denken kann. Wenn ich fliege, wenn ich übers Land fahre, im Zug arbeite, dann bin ich nicht erreichbar. Dieses Privileg möchte ich mir bewahren."

34 Jahre im Bundestag bedeuten gemeinsame Wegstrecken mit vielen Abgeordneten. Aber von Freundschaft spricht er nicht. Vielmehr zählt er positive Eigenschaften einzelner Parlamentarier auf. Die "weitgespannte Bildung und den Unternehmungsgeist" des früheren Postministers Christian Schwarz-Schilling (CDU, siehe Seite 9), "die Frische" des Philipp Missfelders (CDU), "die Direktheit" des Michael Fuchs (CDU), die "frohgemute Entscheidungsfreude" des Johannes Kahrs (SPD). "Es gibt eine ziemlich große Zahl von Politikern, mit denen ich über Jahre verbunden bin", äußert sich Riesenhuber zurückhaltend, der seit 2006 auch Präsident der Parlamentarischen Gesellschaft ist.

Welcher Rücktritt eines Politikers ihn besonders geärgert habe? "Wenn es welche gab, dann haben sie sich mir nicht als Widerhaken ins Fleisch gesetzt. Mir fällt da keiner ein", sagt Riesenhuber. Den Rücktritt des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler fand er "bedauerlich". Die Gründe, die Köhler nannte, erscheinen ihm nicht zwingend. "Man schaut in keinen Menschen hinein."

Ausgeprägte Hobbys hat Riesenhuber, der in seinem Büro von einer Kaffeemaschine, einem Bild des Phantastischen Realismus und dem "Cicero"-Rednerpreis umgeben ist, nicht. Aber im Winter hört er gerne Mozart am Kamin, oder er geht mit seinen Kindern wandern. Ein kleines Aquarell hinter seinem Schreibtisch gibt Aufschluss darüber, wo er seine Ruhe findet. Es zeigt den Eingang zu einem Benediktinerkloster. "Jedes Jahr im Januar bete ich mit Mönchen, esse mit ihnen, und überlege mir, wie die Welt wirklich ist. Die Wirklichkeit ist dann anschließend leichter zu handhaben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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