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ORTSTERMIN BEIM: aUFSTELLEN der Weihnachtsbäume
Ramona Vogel
»Äpfel und Nüsse würden weggefuttert werden«

"Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen", so lautet die weihnachtliche Botschaft. Doch von vorweihnachtlichem Frieden kann im Bundestag kaum die Rede sein. Wartet der Rest der Republik sehnsüchtig auf die Eröffnung der Weihnachtsmärkte, werden im Parlament die Debatten weiterhin mit harten Bandagen ausgefochten. Trotzdem macht der Geist der Weihnacht nicht vor den dicken Mauern des Reichstagsgebäudes halt, und so standen jüngst Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) und Vertreter aller Fraktionen einträchtig um eine mit bunten Papiersternen geschmückte Tanne und sangen Weihnachtslieder. Anlass dieses Weihnachtswunders war die Übergabe des Christbaumes der Bundesvereinigung Lebenshilfe an die Abgeordneten des Bundestages. Das hat Tradition, jedes Jahr wird der Schmuck eines Baumes von einer anderen Werkstatt der Lebenshilfe gestaltet. In diesem Jahr stammen die bunt bemalten Sterne aus Haslach im Schwarzwald. Sie sollen die Abgeordneten an Menschen mit Behinderungen erinnern, die von der Lebenshilfe bei der Bewältigung ihres Lebens unterstützt werden. Wolfgang Thierse versteht das Anliegen: "Ich freue mich, diesen Baum entgegennehmen zu dürfen; ich weiß, wie er gemeint ist, woran er uns erinnert." Was gemeint ist mit Hilfe zur Selbsthilfe, wurde durch die zur Übergabe angereiste Band "Vollgas" deutlich. Die sieben geistig behinderten Musiker aus der Lebenshilfewerkstatt Fürth stellten das musikalische Rahmenprogramm. Sängerin Andrea Heuble freute sich, in Berlin sein zu dürfen.

Ebenfalls Tradition hat die Übergabe des Baumes des Verbandes Deutscher Naturparke an Bundestagsvizepräsidentin Gerda Hasselfeldt (CSU). Seit 2002 schmücken Weihnachtsbäume aus dem Verband das Bundestagsgebäude. Die Gestaltung der knapp fünf Meter hohen Nordmanntanne übernahm in diesem Jahr die fünfte Klasse der Realschule Clausthal-Zellerfeld, die neben Scherenschnitten und verzierten Sternen ihre Weihnachtswünsche an die Abgeordneten übergeben durfte.

"Jedem Deutschen einen Daub" wiederum ist der fromme Wunsch des Malers Eugen Daub. Doch da es ihm kaum möglich ist, alle 82 Millionen Deutschen persönlich mit einem seiner Bilder zu bescheren, beschenkt er stellvertretend die parlamentarischen Vertreter des Volkes. Für jeden von ihnen gibt es ein Kunstwerk. Außenminister Guido Westerwelle (FDP), bekennender Fan des Künstlers, hat sich sein Werk schon ausgesucht. Im Foyer des Jakob-Kaiser-Hauses schmücken Daubs 622 Kunstwerke im Postkartenformat als ausgefallener Baumschmuck eine Nordmanntanne.

Auf solch dekorative Extravaganzen würde sich Alfred Ländner hingegen nie einlassen. Ihm obliegt die Gestaltung der restlichen 18 Weihnachtbäume in den Gebäuden des Bundestages und damit die Aufgabe, weihnachtlichen Glanz und festliche Stimmung in die meist modernen Hallen zu bringen. Davon hat er sehr klare Vorstellungen - traditionell soll er sein, der Baumschmuck, und einfach. Und so schmücken Kugeln, Lichterketten und Holzschmuck die restlichen Tannenbäume des Hauses. Grundlage seiner Baumdekoration sei der Bezug auf die deutsche Kulturgeschichte, sagt Ländner. "Hierzulande ist die Weihnachtsdekoration traditionell schlichter als in Frankreich oder den Vereinigen Staaten." Die Tradition, zu Weihnachten einen geschmückten Baum aufzustellen, hat von Deutschland aus ihren Siegeszug um die Welt angetreten. Ebenso wie das Lametta, das zu Großmutters Zeiten den Christbaum in einer Masse bedeckte, die das Grün der Nadeln nur erahnen ließ. An den Weihnachtsbäumen des Bundestages sucht man die Glitzerfäden vergebens. Ländner findet sie zu ausdrucksstark und verweist auf die bescheidenen Wurzeln des Weihnachtsschmucks: Äpfel und Nüsse. Die wären ihm auch am liebsten gewesen. Aber sie würden zu leicht verderben "oder weggefuttert werden", ergänzt er schmunzelnd.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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