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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Verdiente Pionierin: Michaela Noll

Johann Sebastian Bach verkündet die frohe Botschaft. Im Minutentakt flötet das Handy von Michaela Noll, und alle Anrufer wollen das gleiche: einen Kommentar zum gerade von der Regierung beschlossenen Rückkehrrecht im Ausland zwangsverheirateter Frauen nach Deutschland. "Dafür habe ich jahrelang gekämpft", strahlt sie.

Die Gesprächsthemen der Michaela Noll eignen sich kaum zum Sofaplausch. Kinderpornographie, Freierbestrafung oder Zwangsverheiratung - Michaela Noll (50), aus Mettmann beackert die Schattenseiten der Gesellschaft, Arbeitsgebiete, um die sich in der Unionsfraktion über Jahre hinweg die Abgeordneten nicht gerade gerissen haben. "Ich bin wohl zu nüchtern und zu realistisch", sagt sie. "Man löst diese Probleme nicht, indem man sie verdrängt."

Geschadet hat es ihr nicht. Familienpolitik, früher eine Nische, füllt heute die Schlagzeilen. Und Michaela Noll, seit 2002 im Bundestag, ist in der aktuellen Legislatur viel unterwegs: Zweimal hat sie seit letztem Herbst die Büros gewechselt: Erst wurde sie zur Justiziarin der Unionsfraktion gewählt, dann im April 2010 zur Parlamentarischen Geschäftsführerin. Nun schaut sie im sechsten Stock des Jakob-Kaiser-Hauses in den Himmel über Berlin. Die CDU hat mit ihr noch etwas vor. "Mir geht es vor allem um Lösungen", äußert sie. Das sagt sie oft.

Es ist schon bezeichnend, dass in der derzeit hochkonjunkturellen Integrationsdebatte jene Politiker am wenigsten schrill klingen, die einen Migrationshintergrund haben. "Die Art und Weise der Diskussion finde ich nicht glücklich. Sich nur auf Vorurteile zu konzentrieren, das mag ich nicht", sagt Michaela Noll zu der Verhaltensweise, wie die Debatte derzeit von manchen geführt wird.

Tadjadod hieß sie bis zur Heirat 2002. Die Mutter deutsch, der Vater Iraner, ein Politiker: Unter dem Schah diente er als Senator und Wirtschaftsminister. Seine Tochter wuchs derweil im Rheinland auf, der Vater pendelt, 1979 floh er schlussendlich. "Ich sagte zu ihm: ,70 Jahre lang hast du versucht, etwas zu bewegen, und nichts davon ist geblieben'" Politik erschien ihr nicht als ein einladender Hort. In ihrer Familie hatte sie Internationalität als Normalzustand kennen gelernt. Eine Schwester lebt mittlerweile in Australien, eine andere in Frankreich und zwei Brüder in Graz und in Dubai.

Zur Politik kam sie, sagt Michaela Noll, weil sie keinen Kita-Platz für ihren Sohn bekam. Das war 1994, sie allein erziehend. Christlich-konfessionell geprägt und den Handlungsbedarf im Blick. Die Juristin Michaela Tadjadod setzte sich durch. Überstand schließlich kritische Fragen bei der Kandidatenaufstellung am 18. September 2001 für die Bundestagswahl. "Alles, was ansatzweise Richtung Orient war, war damals mit Angst behaftet", erinnert sie sich heute an die Zeit kurz nach den Terroranschlägen am 11. September. Tadjadod erkämpfte sich einen erfolgreichen Listenplatz. Seit 2005 errang sie das Direktmandat. Nach ihrer Heirat nahm sie den Namen ihres Mannes an, "für die Bürgerinnen und Bürger in meinem Wahlkreis war es so einfacher, mich anzusprechen".

Wenn sie spricht, saust zuweilen ihre Handkante wie ein Beil hinab. Ihre Worte sind klar. Für die CDU ist Michaela Noll eine Idealbesetzung. Einerseits das urrheinische Element, mit einem Adenauergemälde hintern Schreibtisch. Andererseits aber eine Vorzeigefrau für das urbane Milieu. Heute lebt sie in zweiter Ehe eine Patchworkfamilie, ihr Mann hat zwei Kinder in die Ehe hineingebracht.

Und sie freut sich, dass in ihrem Büro während der vergangenen Legislatur drei Kinder geboren wurden, dass ihr Büroleiter in Elternzeit ging. "Noch immer ziehen sich ja eher Frauen den Schuh der Betreuung an", sagt sie. Es klingt bedauernd. "Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, die Familie lebbar zu machen, für junge Männer und Frauen."

Man mag Michaela Noll als verdienten Pionier in der Union bezeichnen. "Ich bin kein CDU-Standardmodell" sagte sie 2005. Heute ist sie es.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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