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Sibylle Ahlers
»Kanon gesitteter Menschlichkeit«

Die Zehn Gebote Mathias Schreiber über ihre Bedeutung in der heutigen Zeit

In den zehn Geboten heißt es autoritär "Du sollst" und "Du sollst nicht". Die Schrifttafeln mit den Geboten wurden nach dem Alten Testament Moses von Gott ausgehändigt, um den Menschen verbindliche Regeln zu geben. Die Gebote gelten vielen Menschen noch heute als Richtschnur, wie man sich gegenüber Gott und seinen Mitmenschen verhalten soll. Auch sind sie ein wesentlicher Bestandteil europäischer Kultur. In seinem Buch "Die Zehn Gebote. Eine Ethik für heute" nennt Mathias Schreiber diese zehn Regeln für ein funktionierendes Zusammenleben, einen "Kodex der Vernünftigkeit" und beschreibt den ältesten, schriftlich überlieferten "Kanon gesitteter Menschlichkeit, über den die Europäer überhaupt verfügen".

Deutungsgeschichte der Gebote

Mathias Schreiber, der 14 Jahre lang Leiter des Kulturressorts beim Magazin "Der Spiegel" gewesen ist und jetzt als Autor fungiert, betrachtet ausführlich die Deutungsgeschichte der Zehn Gebote und ihrer Bruder-Gebote aus anderen Kulturen. Mit vielen Textbeispielen zeigt er Ähnlichkeiten und Unterschiede von Christentum, Judentum und Islam auf.

Mathias Schreiber beleuchtet in seinem Buch jedes einzelne Gebot ausführlich. Der Spiegel-Autor erklärt, warum es aufgestellt wurde und welche Bedeutung es für die Gesellschaft hatte und hat. Das erste Gebot - "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine fremden Götter neben mir haben" - bewahre den Menschen beispielsweise vor neuen Abhängigkeiten, seien diese dynastischer oder religiöser Natur. Das vierte Gebot - "Du sollst Vater und Mutter ehren" - richte sich nicht an respektlose Teenager, sondern hauptsächlich an erwachsene Kinder, die sich kümmern sollten, wenn ihre älteren Eltern sich nicht mehr allein versorgen können. Es regelte in einer Gesellschaft ohne Renten und Pflegeversicherungen die Versorgung der Alten, die nicht mehr arbeiten konnten. Sollte die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen ohne ausreichende Absicherung in den Industriestaaten zunehmen, könnte dieses Gebot eine neue Bedeutung für unserer Gesellschaft bekommen.

Die Medien und das achte Gebot

Das Urteil des Journalisten Schreiber über seine Zunft ist hart: "Diese Medienwelt ist ein Sündenbabel" heißt es mit Bezug auf das achte Gebot ("Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten"). Zwar gelte Ehrlichkeit als werbewirksames Etikett, aber nur der unprofessionelle Journalist beherzige sie, so Schreiber. "Denn nur wer - unehrlich - zuspitzt und übertreibt, bekommt Aufmerksamkeit."

Man sollte es mit der Verdammnis der Lüge aber nicht übertreiben. Manch kleine Lüge im Alltag diene der Höflichkeit, meint Schreiber. Es gebe auch Szenarien, wo Lügen geradezu notwendig seien. Schreiber nennt als Beispiel Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner". Die erfundenen Geschichten Jakobs über den Vormarsch der Roten Armee bewahrten darin verzeifelte KZ-Insassen vor der Selbstaufgabe. Der Pater Anselm Grün, der häufig in Schreibers Buch zitiert wird, fasste das achte Gebot positiv zusammen: "Ich bin ehrlich."

Schreiber stellt zudem in dem Buch harte Fragen, die kaum zu beantworten sind, wie beispielsweise: Wo verläuft die Grenze zwischen Tötung und Mord? Wann ist Töten in einem Krieg gerechtfertigt? Was bedeutet Gerechtigkeit in der sozialen Marktwirtschaft, die es aushalten muss, dass ein Bankmanager 500 mal mehr verdient als eine Krankenschwester?

Eindrucksvoll ist der kleine Exkurs in der Mitte des Buches über den Verräter Judas. Nach Schreiber brauchte das Publikum den einen Schuft, Betrüger und vom Teufel Besessenen als Erklärung für den Tod des Menschensohns, "so wie man später die Juden brauchte als Erklärung für die Pest". Schreiber zitiert dabei nicht nur theologische Schriften, sondern auch Dichter wie Klopstock, Goethe sowie Heinrich Heine und verweist auf mittelalterliche Gemälde und Kunstwerke.

Mathias Schreiber:

Die Zehn Gebote. Eine Ethik für heute.

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010; 286 S., 19,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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