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Gaby Mayr
Geschichten jenseits des Stammtischs

Gesellschaft Isabella Kroth präsentiert das Leben türkischer Männer in Deutschland

Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland". Der Satz hatte für Aufregung gesorgt, obwohl Bundespräsident Christian Wulff eigentlich nur eine Tatsache festgestellt hat. Die Unruhe rührte wohl daher, dass vielen Deutschen zum Stichwort "Islam" wenig mehr als Kopftuch, Terrorismus und Alkoholverbot einfällt. Die 13 Porträts muslimisch-türkischer Männer, die Isabella Kroth in "Halbmondwahrheiten" präsentiert, liefern genügend Material, um das Blickfeld zu erweitern.

Kroths Gesprächspartner sind keine "Erfolgstürken" - und das ist eine Stärke des Buches. Musterbeispiele gelungener Integration, wie sie in den Medien bisweilen präsentiert werden, sind wichtig als Kontrapunkte gegen Stammtischgerede, aber nur begrenzt verallgemeinerbar. Die türkischen Männer, die der Münchner Journalistin Rede und Antwort standen, haben dagegen alle möglichen Erfahrungen und Verirrungen erlebt, wie sie Jungen und Männern im Spagat zwischen Deutschland und der Türkei passieren: Der beruflich erfolgreiche Murat wurde aus der Bahn geworfen, als er sich bedroht fühlte und eine Waffe zog. Metin war von klein auf kriminell. Faruk verkroch sich in der Moschee, seinem Paralleluniversum, und Adem wurden seine Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre beinahe zum Verhängnis.

Kroth hat ihre Gesprächspartner über Kazim Erdogan kennengelernt, der als Psychologe in Berlin verzweifelten, strauchelnden Landsmännern Hilfe anbietet. Türkische Männer gelten in Deutschland als Täter: Sie schlagen ihre Ehefrauen, sie zwingen ihre Töchter zu ungewollter Heirat und ziehen schnell das Messer - so das Klischee. In den Porträts werden die Mechanismen deutlich, die türkische Männer in Einzelfällen tatsächlich zu Tätern werden lassen.

Kroths Männerbilder zeigen zudem, wie sie selber zu Opfern werden. Auch Männer werden in Ehen gepresst und sind völlig übersteigerten Erwartungen der Familie ausgesetzt, die sie als Goldesel missbrauchen. Gleichzeitig müssen sie in der deutschen Gesellschaft funktionieren, wo sie miese Jobs und kaum Anerkennung erwarten. Kroth ruft immer wieder in Erinnerung, dass Männer dennoch mehr Freiheiten haben als ihre Ehefrauen und Schwestern. Aber ihr Buch vermittelt einen Eindruck von der Brutalität, mit der auch Männer in Rollenmuster gezwängt werden. Und wehe, sie können oder wollen ihnen nicht genügen.

Seelische Verletzungen

Murats Waffe entpuppt sich als Schreckschusspistole, für die er zudem einen Waffenschein besitzt, aber weil er sie, als er sich von fünf Punkern bedroht fühlte, auf einen von ihnen gerichtet haben soll, hilft dem Türken auch sein bis dahin mustergültiger Lebenslauf nicht. Metin hatte von klein auf keine Chance, aber der 42-jährige hat trotzdem ein gutes Herz und besucht regelmäßig eine alte, einsame Dame. Er hilft ihr im Haushalt und die beiden plauschen bei einer Tasse Kaffee. Viele Biografien zeugen von schweren seelischen Verletzungen, weil die Eltern im fernen Deutschland den Lebensunterhalt verdienten und die Jungen, als sie endlich nachziehen durften, hierzulande kaum Fuß fassten. Faruk flüchtete in seine religiöse Parallelwelt, aber erst nach Jahrzehnten härtester Arbeit, die Körper und Psyche zerstörten. Und Adem ist, nachdem traditioneller Männlichkeitswahn ihn beinahe zum Täter werden ließ, ein engagierter Vater, der sich liebevoll um seine Kinder kümmert.

Isabella Kroths "Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft" bieten tatsächlich Einblicke in Verborgenes und dokumentieren Lebenswege, die traditionelle türkische Vorstellungen und deutsche Klischees vom muslimisch-türkischen Mann brechen. Auch wenn die Autorin bisweilen unbeholfen formuliert und mit sensiblen Begriffen wie "Ehre" und "Parallelgesellschaft" mitunter leichtfertig hantiert, kann ihr Buch einen Beitrag leisten zum besseren Verständnis von Mitgliedern der deutschen Gesellschaft, über die gerne meinungsstark, aber wenig informiert geredet wird.

Isabella Kroth:

Halbmond- wahrheiten. Türkische Männer in Deutschland.

Diederichs Verlag, München 2010; 220 S., 16,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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