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CONTRA: PUNKTESYSTEM ZUR EINWANDERUNGGastkommentar
Vera Gaserow
Risiko Einbahnstraße

Das T-Shirt kommt aus China, das iPhone aus Taiwan, die Rosen aus Kenia - wo der Warenstrom so munter um den Globus fließt, warum sollen wir da nicht auch das Handelsembargo für den Import einer anderen Ware lockern? Der Ware Arbeitskraft - maßgeschneidert, hoch qualifiziert, marktgerecht zu ordern -, so wie es das Punktesystem vorsieht? Dieses Modell, das als Chiffre für eine längst überfällige moderne Einwanderungspolitik gilt?

Kein Zweifel: Eine Fachkräftezuwanderung nach dem Punktesystem würde unserer Wirtschaft nutzen und unsere Gesellschaft kulturell bereichern. Bei der Suche nach Antworten auf die globalen Migrationsprobleme könnte das Modell jedoch in eine riskante Einbahnstraße führen. Denn das Punktesystem reduziert Einwanderungspolitik auf nationale Nützlichkeitskriterien. Es verströmt eine Brise Weltoffenheit - und den Geist einer überholten Gastarbeiterpolitik auf höherem Bildungsniveau.

Das passt in den Chor "Die Guten ins Töpfchen - die Schlechten ins Kröpfchen", mit dem sich die EU mit Grenzzäunen und Flüchtlingslagern gegen unerwünschte Einwanderer abschottet, aber gleichzeitig das "Wettrennen um die besten Köpfe" eröffnet. Mit dem Punktesystem wäre Deutschland mit am Start - ohne verbindliche Kompensation anzubieten für die Kopflosigkeit, die das Rosinenpicken nach Fachkräften in der Heimat der Einwanderer hinterlässt. Der Brain-drain, das Absaugen der Eliten, könnte in Entwicklungsländern Hemmnis für wirtschaftlichen Fortschritt und Demokratisierung werden. Das Punktesystem könnte so ungewollt weitere Migrationsströme in Gang setzen und vom Non-Plus-Ultra einer modernen Einwanderungspolitik zum Problembeschleuniger werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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