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Karl-Otto Sattler
Chinas Jagd nach Seltenen Erden

Handelspolitik Der Quasi-Monopolist verteuert und verknappt sein Angebot an Rohstoffen für Hightechprodukte nach eigenem Gutdünken

Garrelt Duin spricht Klartext: "Schon jetzt gibt es drastische Preissteigerungen. Noch in diesem Jahr ist mit ersten Produktionsausfällen zu rechnen." Der SPD-Obmann im Wirtschaftsausschuss des Bundestags fürchtet, dass "ohne ausreichenden Nachschub an Seltenen Erden die Hightech-Industrie bald in die Knie geht". Beim Zentralverband der Elektrotechnik und Elektronikindustrie heißt es, für einige Firmen könne die Lage eng werden. Ins gleiche Horn stößt die Mittelstandsbeauftragte der FDP-Fraktion, Claudia Bögel: "Die zunehmend schlechte Versorgung aus China mit Metallen der Seltenen Erden darf nicht dazu führen, dass deutsche Unternehmen in ihrer Existenz oder Entwicklung gefährdet werden." Joachim Pfeiffer, Unions-Obmann im Wirtschaftsausschuss: "Ich will die Lage nicht dramatisieren, aber das Thema Rohstoffversorgung wird an Bedeutung gewinnen, und dabei spielen die Seltenen Erden eine herausragende Rolle."

Der merkwürdig klingende Begriff Seltene Erden macht in der politischen Debatte die Runde. Die SPD hat dazu einen Antrag (17/4553) eingebracht, der am vergangenen Donnerstag erstmals im Bundestag beraten wurde. Die Fraktion fordert darin die Bundesregierung auf, für einen fairen Rohstoffhandel einzutreten und den Handel mit Seltenen Erden offenzuhalten. Deshalb soll sie unter anderem im Rahmen der WTO für einen offenen und fairen Zugang sowie für den Abbau von Exportbeschränkungen einsetzen.

Was sind Seltene Erden? Unter diesem Begriff werden 17 Spezialmetalle wie etwa Lanthan, Neodym, Scandium oder Yttrium zusammengefasst, die vor allem für die Hightech-Produktion unverzichtbar sind - und die Nachfrage nach diesen Substanzen steigt weltweit stetig. Seltene Erden werden in vielen Bereichen benötigt: in der Lasertechnik, bei Supraleitern, der Hochleistungsbeleuchtung, der Magnettechnologie, in der Bohr- und Schweißtechnik, für Photolinsen in Handys, bei optischen Gläsern, in magnetischen Datenspeichern, Nacht-sichtgeräten, Rüstungsgütern, in Akkus, in hochwertigen Bildschirmen, bei Radargeräten, in der Medizintechnik, bei Windrädern, in der Keramik, bei Katalysatoren. Ohne Seltene Erden lassen sich auch keine Batterien für Elektroautos bauen.

Anders als der Name vermuten lässt, machen sich die Seltenen Erden gar nicht so rar: In einer ganzen Reihe von Ländern finden sich solche Lagerstätten, in größerem Stil neben der Hauptförderregion China in den USA, in Grönland, Australien, Brasilien, Indien, Malaysia oder in Russland. Die Vorkommen auf EU-Territorium werden auf sieben Prozent der globalen Vorräte geschätzt.

Teurer Abbau

Allerdings haben die Seltenen Erden den Nachteil, dass ihr Abbau sehr teuer ist: Sie kommen nicht in Reinform vor, sondern in Verbindung mit Mineralien - und die Trennung ist sehr aufwendig. Nun hat China jedoch den Weltmarkt lange Zeit mit Seltenen Erden zu konkurrenzlos günstigen Preisen beliefert, weswegen andere Staaten wie etwa die USA oder Australien angesichts eigener hoher Kosten die Förderung der Spezialmetalle stark zurückgefahren haben. Die Konsequenz: Über 95 Prozent der Seltenen Erden stammen inzwischen aus dem Reich der Mitte, der Rest der Welt ist von diesem De-facto-Monopolisten abhängig. Jetzt präsentiert Peking die Rechnung: Offiziell aus Gründen des Umweltschutzes und der Ressourcenschonung hat die Regierung den Abbau Seltener Erden drastisch reduziert und obendrein die Exportzölle massiv erhöht. Die Folge: Die wichtigen Metalle werden knapp und verteuern sich erheblich. 2010 kletterten die Preise für diese Rohstoffe um 130 Prozent. Einzelne Substanzen machten gewaltige Preissprünge: So waren für ein Kilogramm Ceroxid 2007 drei Dollar hinzublättern, jetzt hingegen rund 67 Dollar, ein Kilo Lanthanoxid kostet inzwischen 64 Dollar statt 3,50 Dollar vor vier Jahren. Bei den Preisen für Seltene Erden aus China ist das Ende der Fahnenstange im Übrigen wohl nicht erreicht: Man will dort eine riesige nationale Reserve anlegen, was das Angebot auf dem Weltmarkt noch weiter verknappen dürfte.

Monopol als Druckmittel

Was Wunder, dass die Alarmglocken schrillen und guter Rat teuer ist. Peking muss sich heftige Schelte aus Europa und Nordamerika anhören, wo man fürchtet, China werde sein Quasi-Monopol auch als politisches Druckmittel einsetzen. Appelle aus westlichen Hauptstädten, keine Handelsbarrieren aufzubauen, verhallen bislang freilich ungehört. Die EU will gegen Peking vor der Welthandelsorganisation WTO vorgehen. Herbert Reul (CDU), Vorsitzender des Industrieausschusses im EU-Parlament: "Chinas Rohstoffhunger darf nicht dazu führen, dass Europas Teller leer bleibt."

Die USA und Australien haben vor, ihre Minen wieder zu erschließen. In anderen Ländern denkt man ebenfalls daran, Vorkommen an Seltenen Erden abzubauen. Eine entsprechende Aufforderung hat auch EU-Industriekommissar Antonio Tajani an die 27 Mitgliedsländer gerichtet.

Vorkommen in Deutschland

In Deutschland ist bislang ein solches Lager beim sächsischen Storkwitz bekannt. Doch von der Erkundung bis zur Ausbeutung einer Mine kann ein Jahrzehnt vergehen. Pfeiffer kritisiert, dass sich die Industrie zu wenig um ihre Rohstoffbelieferung gekümmert habe. Und jetzt rufe man nach dem Staat, moniert der CDU-Politiker: "Natürlich wird der Staat Hilfestellung leisten, doch in erster Linie ist die Wirtschaft selbst gefordert." Die nationale Rohstoffagentur werde ihre Beratungstätigkeit intensivieren. Doch müssten Unternehmen darüber nachdenken, "ob sie über die Gründung einer Rohstoffgesellschaft eine eigene, gemeinsame Plattform für Rohstoffbezüge schaffen". So ließen sich die Interessen bei der Exploration sowie beim Handel, Transport und Einkauf besser koordinieren. Der SPD-Politiker Duin mahnt, die Wirtschaft brauche eine "konsequente politische Flankierung".

Eine zentrale Rolle beim Kampf um Seltene Erden spielt die Handelspolitik. Duin appelliert an die Regierung, über die WTO "den Rohstoffhandel zu öffnen und Exporthemmnisse abzuschaffen". Der Bundesverband der Industrie plant eine Kooperation mit Kasachstan, um deutschen Unternehmen einen exklusiven Zugang zu Seltenen Erden in dem zentralasiatischen Land zu ermöglichen. Duin seinerseits spricht von "Rohstoffpartnerschaften", die in den Förderstaaten den Zugang zu den Metallen "nachhaltig sichern", aber auch "den Menschen in den Lieferländern nutzen" und insofern der Entwicklungshilfe dienten.

Brüssel schweben Handelsabkommen vor, in deren Rahmen die EU Staaten der Dritten Welt Hilfe beim Abbau und Transport von Seltenen Erden gewähren. Für Pfeiffer sind aber auch bilaterale Abkommen wie mit Kasachstan sinnvoll, "doch sollte man diese Handelspolitik auch auf EU-Ebene vorantreiben".

Neuerdings richten sich die Augen auch auf die "Schaffung eines Recycling-Systems" (Duin) für Seltene Erden. Vor allem aus Elektronikschrott ließen sich in der Tat viele Metalle wiedergewinnen. Auch mit der Substitution von Rohstoffen, also deren Ersatz durch andere Materialien, ist es noch nicht weit her. Claudia Bögel: "Sowohl die effiziente Nutzung von Rohstoffen als auch die Substitution und die Schließung von Stoffkreisläufen durch Recycling sind eine Herausforderung der Zukunft." Die Forschung bei der Substitution von Rohstoffen müsse stärker gefördert werden, verlangt die FDP-Abgeordnete. All diese Ideen haben indes den Nachteil, dass ihre Verwirklichung Zeit braucht. Bögels Prognose: "Der Kampf um knappe Rohstoffe wird noch härter werden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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