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Jörg Müller-Brandes
Google ist mal nicht schuld

MEDIEN Abgeordnete und Experten diskutieren über die Zukunft des Qualitätsjournalimus

Einsparungen, Entlassungen und Outsourcing sind Phänome, die die gesamte Medienbranche vor Probleme stellt. Insbesondere die Printmedien befinden sich in einer schweren Krise. Eine Strategie, die ihr ökonomisches Überleben sichert, haben die meisten Verlage noch nicht gefunden. Stattdessen herrscht in den meisten Redaktionen strikter Sparzwang. Unter dem steigenden Marktdruck werden tiefgehende Umstrukturierungen vorgenommen: Ganze Ressorts werden eingestellt, Redaktionen zu sogenannten News-Rooms zusammengelegt und Zeilenhonorare für freie Journalisten über die Schmerzgrenze hinaus gekürzt.

Allein in den vergangenen zehn Jahren dürfte sich die Zahl der freien Journalisten, so schätzt der Deutsche Journalistenverband, auf etwa 25.000 erhöht haben. Manche wählen diesen Status bewusst, andere sehen darin schlicht eine Alternative zur Arbeitslosigkeit. Knapp ein Drittel der freien Journalisten verdient gerade einmal bis zu 1.000 Euro im Monat. Viele suchen ein zweites Standbein im PR-Bereich und der Werbung.

Die bange Frage lautet: Wie gravierend fällt der damit einhergehende Qualitätsverlust der "vierten Gewalt" aus, welche Auswirkung hat dieser auf das Funktionieren der Demokratie? Zur Erörterung dieser Frage kam am vergangenen Mittwoch der Ausschuss für Kultur und Medien zusammen, um zum Thema "Zukunft des Qualitätsjournalismus" ausgewählte Medienexperten zu Worte kommen zu lassen.

Gratisangebote

Ein wichtiges Thema der Anhörung war die Analyse der Entwicklung der Online-Medien. Durch ihr Gratisangebot journalistischer Inhalte machen gerade sie klassischen Medien das Leben schwer. Die Experten vermieden es dennoch, die Probleme alleine mit dem Aufstieg der Online-Medien zu begründen. "Google ist nicht schuld am Niedergang der Tageszeitung", betonte Wolfgang Blau, Chefredakteur von "Zeit online" und legte Wert darauf, mit einigen "Mythen" aufzuräumen. Zum einen hätten die Printmedien Entwicklungen wie die des Online-Journalismus verschlafen und es versäumt, entsprechende Geschäftsmodelle zu entwickeln. Über die Rolle der neuen Medien war sich Blau mit der Mehrheit der Experten und Abgeordneten einig: "Sie stellen keineswegs eine Gefahr für den etablierten Journalismus dar, sondern sind eine wertvolle Bereicherung."

Einigkeit herrschte auch in der Feststellung, dass es nun für den klassischen Journalismus darauf ankomme, nicht gegen einen vermeindlichen Feind aus dem Netz anzukämpfen, sondern sich durch Einhaltung der selbst gesteckten Qualitätsstandards zu behaupten. Der Journalist Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung" argumentierte: "Das Fortbestehen des Qualitätsjournalismus hängt im Wesentlichen davon ab, ob es uns Journalisten gelingt, originär zu bleiben, Fakten einzuordnen und gute Reportagen zu erstellen. Angesichts der schwierigen Bedingungen vieler Kollegen", schränkte er gleichzeitig ein, "kann man sie aber nicht einfach auffordern, investigativer zu arbeiten."

Klar scheint auch in diesem Zusammenhang: Zur Lösung der aktuellen Probleme müssen Versäumnisse aus der Vergangenheit beseitigt werden. Etwa bei der Schaffung eines tragfähigen Geschäftsmodells. "Die traditionelle Finanzierung durch ein Drittel Abo und zwei Drittel Anzeigen kann man heute vergessen", argumentierte der Publizist Wolfgang Storz. "Diese Medienkrise ist gekennzeichnet durch eine Permanenz, die viele Journalisten zermürbt", sagte Storz. In ihrer wirtschaftlichen Not wanderten viele zwischen Public Relations, Boulevard- und klassischem Journalismus. Dies mache den Erhalt von Qualitätsjournalismus schwer.

Mentalitätswandel

Um die Situation zu verbessern, so stimmte die Mehrheit der Runde überein, sei aber nicht nur die Entwicklung eines neuen Geschäftsmodells erforderlich, sondern außerdem die Berücksichtigung der noch längst nicht abgeschlossenen Umwälzungen der Branche für die Neuentwicklung des Berufsbilds sowie eine entsprechende Neuausrichtung bei der Ausblidung des journalistischen Nachwuchses. Bei diesem zeichnet sich nach Auffassung der versammelten Runde ein Mentalitätswandel ab. "Zwar sind viele unter ihnen handwerklich besser ausgebildet als ich dies in ihrem Alter war", erinnerte sich Leyendecker, "aber der Geist der Unabhängigkeit, der meine Generation ausgezeichnet hat, ist heute ein wenig verloren gegangen. Bestehende Freiheiten werden oft nicht ausreichend genutzt. Nicht zuletzt auf Grund der schwierigen wirtschaftlichen Lage." Auch an den Verlagsspitzen habe sich vieles geändert, was den Druck verstärke: "Früher haben die Verleger ihre Zeitung geliebt. Heute sind dies oft nur Flanellmännchen, die allein auf die Zahlen schauen."

Bei den Abgeordneten stießen diese Ausführungen teilweise auf große Besorgnis. Martin Dörmann (SPD) betonte, dass in der Medienwelt ein Klima geschaffen müsse, in dem Journalisten "auch einmal anecken" und Inhalte produzieren könnten, die nicht jeder teile, die aber zu einem schärferen Profil des Journalisten beitrügen. Einfache Lösungen für die vielschichtigen Probleme hatte in der Runde zwar niemand zur Hand. Nicht auszuschließen ist aber, dass sich einige unter ihnen wünschten, es wäre so einfach, wie es Lukrezia Jochimsen (Die Linke) halb im Scherz vorschlug: "Man müsste eigentlich einen Mindestlohn für Journalisten fordern."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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