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PRO: AKW-LAUFZEITVERLÄNGERUNGGastkommentar
Stephan Sohr
Wenig rational

Noch 2010 waren die deutschen Atomkraftwerke die sichersten der Welt, so dass die schwarz-gelbe Koalition bedenkenlos die Laufzeiten verlängerte. Sind sie es nun, da in Japan eine epochale Naturkatastrophe einen nicht für möglich gehaltenen Atomunfall auslöste, etwa nicht mehr? Hat die Kanzlerin wider besseres Wissen gehandelt, als sie die vor der Bundestagswahl angekündigte Laufzeitverlängerung durchsetzte, hat sie die Bevölkerung wissend einer unkalkulierbaren Gefahr ausgesetzt, wie von der Opposition zu hören ist? Nein.

Rein rational betrachtet wäre es weder notwendig gewesen, am schwarz-gelben Szenario eines Atomausstiegs zu rütteln noch einen Sofort-Stopp von sieben alten Meilern zu vollziehen. Doch was kann noch rein rational betrachtet werden nach Japans Katastrophe? Die deutsche Atompolitik, seit jeher von einer skeptischen bis ablehnenden Öffentlichkeit betrachtet, jedenfalls nicht. Der Kanzlerin blieb unter politischen Gesichtspunkten kaum etwas anderes übrig, als die Laufzeitverlängerung auszusetzen - dabei aktuelle Landtagswahlen ins Kalkül zu ziehen, ist deshalb auch nicht verwerflich.

Die eigentliche Herausforderung kommt allerdings erst noch. Denn das Ende der Nutzung der Atomkraft als Energiequelle wird nun zumindest in Deutschland schneller kommen als selbst von Rot-Grün geplant. Ein umstandsloses Zurück in die Atomkraft wird es kaum geben. Doch einen Masterplan für die künftige Energieversorgung der deutschen Bevölkerung und der Wirtschaft gibt es nicht. Und die Begeisterung für alternative Energien ist oft schon erschöpft, wenn vor dem Gartenzaun ein Windrad entstehen soll. Aber wie gesagt: Was ist schon rational in diesen Tagen?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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