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Gaby Mayr
Verklärte Scheinerfolge

AFRIKA Henning Andresen fordert ein komplettes Umdenken in der Entwicklungshilfe

Ob es um Umweltschutz, Aids-Verhütung oder Wasserversorgung geht - Entwicklungshilfeorganisationen bescheinigen sich gerne Erfolge bei ihren Projekten in Afrika. Dagegen fallen Länderstudien zu den 47 Staaten südlich der Sahara meist ungünstiger aus. Henning Andresen wollte nach 30-jähriger Tätigkeit für die Afrikaabteilung der KfW-Entwicklungsbank den Widerspruch klären, warum viele positive Einzelergebnisse keine positive Gesamtbilanz ergeben.

Bereits beim Start in die Unabhängigkeit mussten die afrikanischen Staaten mit vielen Handicaps kämpfen. In der Demokratischen Republik Kongo gab es 1960 nur eine Handvoll Hochschulabsolventen, die das Land von fast siebenfacher Größe Deutschlands nach Jahrzehnten belgischer Gewaltherrschaft verwalten sollten. Auf den Scherbenhaufen afrikanischer Gesellschaften wurden nach europäischem Gusto Staaten zusammengezimmert, die ihren Bewohnern nichts boten. Die einzige soziale Absicherung war die Familie. In der Politik vertrauten die Menschen den Versprechungen einstiger Befreiungskämpfer und der "big men" aus der eigenen Ethnie. Die revanchierten sich für Unterstützung "mit allen verfügbaren Mitteln". Rohstoffeinnahmen und Hilfsgelder dienten der individuellen Bereicherung der Machthaber und ihres Umfeldes, nicht dem Fortschritt fürs ganze Volk. Nach diesem Muster funktionieren etliche afrikanische Staaten bis heute.

Andresen hat nicht selber geforscht, aber er liefert einen ordentlichen Überblick über vorhandene Arbeiten. Weniger geglückt ist Andresens Übersicht über entwicklungshemmende psychologische Faktoren. Die Fixierung auf ein Leben in Harmonie mit den Ahnen, mangelnder Ehrgeiz und der Zwang zur Versorgung fauler Familienmitglieder wird Afrikanern regelmäßig attestiert. Andresens arg verkürzte Zusammenfassung liefert kaum Erklärungen und keine neuen Erkenntnisse.

Aufgeblähte Apparate

Bleibt ein knappes halbes Buch für seine Kernkompetenz, die Entwicklungshilfe. Der langjährige Entwicklungsmanager stellt fest, dass mit wachsendem Hilfsvolumen vor allem Staatsapparate und parastaatliche Unternehmen aufgebläht werden: "Viele Menschen verwendeten mehr Energie darauf, im öffentlichen Dienst Einfluss zu gewinnen oder am politischen Spiel teilzunehmen, um so Zugriff auf die Entwicklungshilfegelder zu erhalten, als selbst etwas zu produzieren." Andresen bleibt allerdings zu unpräzise. Man würde gerne mehr Beispiele, auch ein paar Zahlen lesen. Manche Geschichten haben nur noch historische Bedeutung, neue positive Entwicklungen hingegen werden nicht erwähnt.

In Liberia etwa bahnt Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf nach furchtbaren Kriegsjahren den Weg aus der Schuldenfalle in den Aufbau. Erst kürzlich rief die frühere Bankmanagerin und Direktorin der UN-Entwicklungsorganisation via Internet die liberianische Diaspora zu Investitionen in ihrer alten Heimat auf und verlieh dem Gedanken der Entwicklungshilfe eine neue Bedeutung. Ruanda finanziert derzeit noch die Hälfte seines Staatshaushaltes über ausländische Hilfe. In dem 1994 durch einen Völkermord zu trauriger Berühmtheit gelangten Staat werden zwar demokratische Rechte zu klein geschrieben, aber seine Entwicklungsanstrengungen sind riesengroß.

Informativ ist Andresens Blick hinter die Kulissen einer Hilfspraxis, die gute Absichten nicht selten ins Gegenteil verkehrt. Mitarbeiter ausländischer Hilfsorganisationen befeuern die Korruption, wenn sie Bestechungsgelder zahlen, um Genehmigungen für ihre Projekte zu erhalten oder dringend benötigte Güter durch den Zoll zu bekommen. Die Schmiergeldzahlung diene zwar dem Erfolg des einzelnen Vorhabens, schreibt Andresen, "trägt aber gleichzeitig dazu bei, das bestehende korrupte System aufrechtzuerhalten". Man versteht, wie der Widerspruch zwischen erfolgreichen Einzelvorhaben und bescheidener gesamtstaatlicher Performance entsteht. Entwicklungsmilliarden landen nicht zuletzt auf den Konten der mit Auslandszulagen gut gepamperten Experten und in Entwicklungsbürokratien in den Geberländern.

Halbierung der Mittel

Andresens langjährigen praktischen Erfahrungen verdankt sein Buch erfrischend handfeste "Wege aus der Sackgasse". Der ehemalige Entwicklungsbanker scheut nicht vor Tabus zurück. Weniger Geber, deren Hilfe besser koordiniert werden muss, fordert er, und einen Stopp aller Zahlungen, wenn sich Empfängerländer als entwicklungsunwillig erweisen. Und ein Ende kleinkarierter, mit hohem Personaleinsatz betriebener Projektunterstützung, statt dessen Hilfen für den Staatshaushalt, vergleichbar dem Länderfinanzausgleich in Deutschland. Allerdings müssten die Zahler auch ertragen, dass das Empfängerland beispielsweise einen Straßenbauauftrag nicht an eine Firma aus dem Geberland vergibt, wenn die Konkurrenz günstiger ist. "Eher Halbierung als Verdoppelung der Entwickungshilfe", verlangt Henning Andresen. Die eingeforderte afrikanische Eigenverantwortung dürfe umgekehrt allerdings nicht länger durch Zollschranken und Patentgesetze torpediert werden, die Firmen im reichen Norden schützen und Unternehmen aus dem Süden diskriminieren.

Henning Andresen:

Staatlichkeit in Afrika. Muss Entwicklungs-hilfe scheitern?

Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2010; 216 S., 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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