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Tatjana Heid
Ausstieg hier, Einstieg dort

KERNENERGIE Weltweit liefern 443 Atomreaktoren Strom - der größte Teil davon steht in den USA und in Europa

Würde man sich die Weltkarte vornehmen und hinsichtlich der Nutzung von Kernenergie einfärben - rot für Länder, die sie nutzen, und weiß für die Länder, die dies nicht machen -, ergäbe sich ein gegensätzliches Bild. Die Nordhalbkugel: rot mit weißen Flecken. Die Südhalbkugel: weiß mit roten Flecken.

Weltweit nutzen 30 Staaten Atomenergie. Die World Nuclear Association (WNA) zählte Anfang März 2011 insgesamt 443 Kernreaktoren, die Strom in die Netze speisen. Während in Afrika, Südamerika und Australien so gut wie keine Kernkraftwerke stehen, sind allein in den USA 104 Reaktoren am Netz. Auf Platz zwei kommt Frankreich mit 58 Reaktoren. Platz drei belegte Japan mit 55 Reaktoren. Vor dem Erdbeben. Vor dem Tsunami. Vor der Katastrophe.

Atomare Schwergewichte

Die Ereignisse in Japan haben schon jetzt Auswirkungen auf den Umgang mit atomarer Energie. So werden in den USA Stimmen laut, die sich gegen Kernenergie wenden. Präsident Barack Obama kündigte vergangene Woche Sicherheitsnachbesserungen bei den Nuklearanlagen an. Zuvor hatte der US-Energieminister Steven Chu betont, das Land werde an der Atomenergie festhalten. Die USA beziehen rund ein Fünftel ihres Stroms aus der Kernenergie. Laut der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) befindet sich ein weiterer Reaktor im Bau.

Das Land, das derzeit die meisten Reaktoren baut, ist China. Der Volkskongress in Peking beschloss vergangene Woche, Chinas Atom-Kapazität von bislang 10 Gigawatt auf 80 Gigawatt in den kommenden zehn Jahren zu erhöhen. Der IAEO zufolge stehen 27 der weltweit 65 im Bau befindlichen Reaktoren in der Volksrepublik. Im zweistelligen Bereich befindet sich sonst nur Russland, wo derzeit elf Reaktoren gebaut werden. 32 Reaktoren sind hier bereits in Betrieb, in China sind es 13. Beide Länder wollen grundsätzlich an ihrem Energiekonzept festhalten. Der russische Staatskonzern Rusatom baut Reaktoren in China, Indien und dem Iran.

Indien als wachsende Wirtschaftsmacht plant, in Zukunft verstärkt auf Atomenergie zu setzen. Derzeit sind 20 Reaktoren in Betrieb, der letzte ging Ende vergangenen Jahres ans Netz. Weitere fünf Reaktoren befinden sich noch im Bau. Auch wenn Indien grundsätzlich am Ausbau der Kernenergie festhält, sollen die Atommeiler überprüft und Sicherheitsvorkehrungen gegebenenfalls verstärkt werden.

Zehn von 27 EU-Staaten haben bislang keine Atomenergie verwendet. Österreich und Italien sind bereits ausgestiegen, Belgien, die Niederlande, Schweden und Deutschland haben den Ausstieg beschlossen. Weitere Kernenergie nutzende EU-Staaten: Finnland, Frankreich, Großbritannien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Im europäischen Teil Russlands stehen 16 Reaktoren, die Ukraine, 1986 Schauplatz des bisher größten atomaren Unfalls in Tschernobyl, betreibt heute 15 Reaktoren.

In Deutschland existieren derzeit 17 Kernreaktoren an zwölf Standtorten. Außerdem drei Forschungsreaktoren, in der Nähe von Berlin, München und Mainz. Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde 2001 der Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2020 beschlossen; im vergangenen Herbst kam dann der Ausstieg aus dem Ausstieg: Mit relativ knapper Mehrheit und nach hitziger Diskussion verabschiedetete der Bundestag eine Laufzeitverlängerung von acht bis 14 Jahren. Vergangene Woche dann die erneute Kehrtwende: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verkündete ein Moratorium von drei Monaten, während dessen die Reaktoren auf ihre Sicherheit überprüft werden sollen.

Auch in der Schweiz waren drei neue Atomkraftwerke im Gespräch. Das Land verfügt über fünf Reaktoren, die zwischen 1969 und 1984 in Betrieb gingen und zum Teil ersetzt werden sollen. Nun wurde die Bewilligung für neue Kraftwerke vorerst ausgesetzt. Zunächst sollen Schlüsse aus der Katastrophe in Japan gezogen werden.

Festhalten an Kernkraft

Während Deutschland den Ausstieg plant, setzen andere Länder Europas weiterhin auf Kernkraft. Beispiel Frankreich: Hier stammen knapp 80 Prozent des Energieverbrauchs aus der Kernkraft, zu den bestehenden Reaktoren befinden sich laut der World Nuclear Association (WNA) drei weitere im Bau oder in Planung. Italien, das nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 aus der Atomenergie ausgestiegen ist, plant den Wiedereinstieg. Derzeit sind hier laut WNA zehn Reaktoren im Gespräch.

Auch Polen beschäftigt sich mit dem Atomeinstieg, bislang hat es auf Kernenergie verzichtet. Derzeit sind sechs Reaktoren geplant, befinden sich jedoch noch nicht im Bau. In der Slowakei sind vier Reaktoren in Betrieb, zwei werden gebaut.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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