Inhalt

Alexander Heinrich
Kurz notiert

1952 Chalk River (Kanada)

Fehleinschätzungen und falsche Messdaten führen zur teilweisen Kernschmelze in den Chalk River Laboratories. Eine Knallgas-Explosion hebt eine vier Tonnen schwere Kuppel über dem Reaktor hoch, große Mengen an Spaltprodukten gelangen in die Atmosphäre. Verseuchtes Wasser aus dem Reaktorsumpf wird später in eine Sickergrube gepumpt, es droht kurzzeitig die Kontaminierung des nicht weit gelegenen Flusses Ottawa. Der Reaktorkern wird vergraben.

1957 Kyschtym (Sowjetunion)

Im Atomkomplex Majak im Ural explodieren Tanks wegen eines Kühlausfalls, in denen radioaktives Material zwischengelagert war. Da die Kontamination sich auf den Ural beschränkt, schlagen die Messgeräte in Europa nicht Alarm. Der bis heute zweitgrößte Atomunfall wird bis zum Ende der Sowjetunion geheim gehalten.

1957 Windscale (Großbritannien)

Im luftgekühlten Reaktor Pile No. 1 in Windscale (heute Sellafield) gerät der Graphitblock um den Reaktorkern in Brand - zunächst unbemerkt vom Leitstand. Der Versuch, den Kern mit Luft herunterzukühlen beschleunigt den Brand noch. Radioaktivität gelangt ungehindert durch die Abluftkamine nach außen. Als letzter Versuch wird der Reaktor mit Wasser geflutet. Der beim Löschen entstehende Dampf setzt weitere Mengen an Radioaktivität frei.

1959 Kalifornien (USA)

Im Santa Susana Field Laboratory in Kalifornien kommt es zu einer teilweisen Kernschmelze. Grund: verstopfte Kühlleitungen. Obwohl die Spaltprodukte weitgehend abgefiltert werden können, gelangen radioaktive Gase in die Umwelt. Der Unfall wird von den US-Behörden lange geheim gehalten.

1969 Lucens (Schweiz)

Beim Versagen des Kühlsystems eines unterirdischen Versuchsreaktors in Lucens kommt es zur partiellen Kernschmelze. Das Kühlmittel Kohlendioxid und das als Moderator eingesetzte schwere Wasser treten aus, größere Menge Strahlung gelangen in die Felskaverne. Die kontaminierten Trümmer können erst Jahre später aus dem Stollen geräumt werden.

1979 Harrisburg (USA)

Im Kernkraftwerk Three Mile Island kommt es zum Ausfall der Reaktorkühlung und zu einer teilweisen Schmelze des Kerns. Auch hier ist der Leitstand nicht zu jedem Zeitpunkt über die Vorgänge in Reaktor und Kühlsystemen im Bilde, Messsonden und Ventile versagen. Radioaktiver Dampf tritt aus, zum Teil gelangt kontaminiertes Gas nach dem Unfall durch kontrolliertes Ablassen in die Atomsphäre.

1986 Tschernobyl (Sowjetunion)

Der bisher schwerste Unfall ereignet sich im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl. Durch das Zusammenspiel von Konstruktionsmängeln und Fehleinschätzungen im Kontrollraum kommt es zur Kernschmelze mit anschließender Explosion, die den rund 1.000 Tonnen schweren Reaktordeckel in die Luft schleudert. Radioaktives Material verteilt sich in der Region nordöstlich von Tschernobyl bis nach Weißrussland, dann auch über viele Regionen Europas. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben bis zu 50 Menschen an der Strahlenkrankheit und bis zu 4.000 Menschen an den langfristigen Folgen der Strahlung, darunter viele der als "Liquidatoren" eingesetzten Soldaten.

2011 Fukushima (Japan)

Nach einem schweren Erdbeben und einem Tsunami kommt es im japanischen Kraftwerk Fukushima-Daiichi zu einer Serie von Unfällen. Explosionen beschädigen die Reaktorgebäude. Im Reaktorgebäude 4 brechen Brände aus. Die Regierung ruft den nuklearen Notfall aus und evakuiert die Bevölkerung in einem Umkreis von 20 Kilometern. Unterdessen versuchen die am Unglücksort verbliebenen Techniker die Reaktorkerne mit Meereswasser zu kühlen, um die nukleare Kettenreaktion aufzuhalten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag