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Hans-Jürgen Leersch
Werden Strom und PCs knapp?

WIRTSCHAFT Neben dem Abschalten von Reaktoren steht auch der stille Ausstieg aus der heimischen Steinkohleförderung bevor

Ungeschoren wird die Weltwirtschaft von den Ereignissen in Japan nicht davonkommen. Ein Dämpfer sei sicher, erwarten führende Wirtschaftswissenschaftler. Die Folgen für die deutsche Wirtschaft werden bisher als gering angesehen. Allerdings könnten auf die Verbraucher mit einigen unerwünschten Auswirkungen konfrontiert werden: Wegen des Fehlens wichtiger Bauteile könnten Handys, Smartphones und Tablet-PCs knapp werden, und der Strom könnte nach dem vorläufigen Aus für einige deutsche Atomkraftwerke teurer werden.

Als Handelspartner sei Japan für Deutschland nicht von großer Bedeutung, erläutert Cornelia Storz , Professorin für japanische Wirtschaft an der Frankfurter Goethe-Universität. Deutschland exportiere nur ein Prozent seiner Waren und Dienstleistungen nach Japan. Der Importanteil liegt nach Angaben von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn bei nur zweieinhalb Prozent. Sinn hält die Bedeutung des Japan-Handels für eine vernachlässigbare Größe.

Spürbare Wirkung

Storz macht aber auf einen anderen Aspekt aufmerksam: Da Japan wie Deutschland eine der führenden Wirtschaftsnationen ist, könnte es zu einer "spürbaren temporären Auswirkung" auf die Weltwirtschaft kommen. Japanische Unternehmen seien in bestimmten High-Tech-Bereichen führend, etwa bei der Herstellung von Computerchips. Ein längerer Ausfall dieser Hersteller ließe sich nicht ohne weiteres kompensieren, vermutet Storz. Auch der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower, meint, Lieferausfälle in Japan könnten schnell zum Problem werden. Ein Domino-Effekt sei möglich, wenn japanische Teile fehlten. Betroffen sein könnte besonders chinesische Hersteller von Funktelefonen, Smartphones und den gerade in Mode kommenden Tablet-Pcs. Wenn diese Hersteller keine Teile mehr aus Japan bekommen würden, stoppt die Produktion, und überall auf der Welt, auch in Deutschland, würde das neueste technische Spielzeug knapp und damit teurer.

Konsequenzen für die Finanzmärkte sind bereits spürbar. Die Börsenkurse stürzten weltweit ab, was manche Investoren als Gelegenheit für Schnäppchen halten. "Kaufen, wenn die Kanonen donnern", lautet eine alte Börsianer-Empfehlung. Aktienkurse können sich wieder erholen, aber der starke Kursanstieg der japanischen Währung Yen zeigt andere Probleme auf. "Japan hat bisher stark US-Bonds nachgefragt. Jetzt ist zu erwarten, dass dieses Kapital kurzfristig aus den USA abgezogen und für den wiederaufbau eingesetzt wird", sagt Storz. Das könnte nach Ansicht von Wirtschaftswissenschaftlern den Trend zu steigenden Zinsen noch verstärken, was zu einer schwächeren Konjunkturentwicklung führen würde. Die Zahl der pessimistischen Prognosen nahm jedenfalls nach Ermittlungen des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung unmittelbar nach Erdbeben und Tsunami in Japan stark zu.

Optimismus

Dagegen setzt das Berliner Wirtschaftsministerium weiter auf Optimismus: "Die Signale für ein weiteres dynamisches Aufschwungsjahr stehen auf grün", heißt es im soeben veröffentlichten Monatsbericht, in dem ebenfalls auf das geringe Gewicht Japans für den deutschen Außenhandel hingewiesen wird. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) befürchtet nach dem vorläufigen Aus für einige Atomkraftwerke aber neue Lasten für Stromverbraucher. Die Energiekunden wurden in den letzten Jahren ohnehin durch die von ihnen zu zahlenden Subventionen für erneuerbare Energien stark belastet. Jetzt könnte ein knapper werdendes Stromangebot die Preise weiter in die Höhe treiben.

Es gibt verschiedene Theorien für die Preisentwicklung. So erwartet Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, mittelfristig spürbare Preiserhöhungen. Wenn es bei der Kernenergie bleibe, werde dies nur bei massiver Erhöhung von Sicherheitsstandards möglich sein. Falls es zum Ausstieg komme, müsse die Lücke durch regenerative Energie geschlossen werden. "In beiden Szenarien werden die Weltmarktpreise für Energie deutlich zulegen", vermutet Straubhaar.

Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung meint, kurzfristig könnten vier oder fünf Reaktoren vom Netz genommen werde. Dies entspreche den deutschen Stromexporten. 2010 wurden in Deutschland 603 Terrawattstunden (TWh) Strom verbraucht, exportiert wurden 17 TWh. Im kommenden Jahrzehnt müssen viele alte Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden. Kemfert meint, dass eine frühe Abschaltung von Reaktoren durch den teilweisen Zubau von Kohlekraftwerken kompensiert werden müsse. Dadurch werde der Kohlendioxid-Ausstoß steigen und damit der Preis für den Ausstoß des Gases: "Das würde die Strompreise tendenziell steigen lassen", so Kemfert. Es gibt auch andere Stimmen, die von weniger starken Preissteigerungen ausgehen: So rechnet Christof Timpe vom Öko-Institut höchstens mit einem halben Cent mehr pro Kilowattstunde. Bei einem Verbrauch in einem Haushalt von 1.500 Kilowattstunden binnen drei Monaten wären dies 7,50 Euro.

Die FDP erwartet inzwischen für den Fall eines raschen Atomausstiegs eine Renaissance der Kohle-Kraftwerke. "Man wird dann über Neubauten im Kohle-Kraftwerksbereich ganz anders sprechen müssen", vermutet FDP-Generalsekretär Christian Lindner. In der SPD gibt es sogar noch weitergehende Stimmen: Der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen SPD-Landtagsfraktion, Norbert Römer, spricht sich für eine Beibehaltung der deutschen Steinkohleförderung aus: "Ich habe immer gesagt, dass es nicht richtig sein kann, unsere Lagerstätten abzuschließen und die Schlüssel wegzuwerfen."

Genau das Gegenteil bereitet die Koalition vor. 2018 soll der Ausstieg aus der Steinkohleförderung vollzogen sein. Die Streichung einer Revisionsklausel, mit der der Ausstiegsbeschluss hätte rückgängig gemacht werden können, wird gerade im Bundestag beraten (17/4805).

Zur Begründung schreibt die Bundesregierung, der einheimische Steinkohlenbergbau könne angesichts weltweit gut verfügbarer Steinkohlevorräte und angesichts des bereits jetzt geringen Anteils einheimischer Steinkohle am deutschen Energiemix (zu dem bisher auch die Kernenergie gehört) keinen Zugewinn an Versorgungssicherheit schaffen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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