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Gernot Facius
Mit Humor und Augenmaß

RICHARD STÜCKLEN (1979-1983) Der Franke führte auch sein hohes Amt volkstümlich. Er war der dienstälteste Parlamentarier

Eine Reise mit der Eisenbahn ist im Jahr 1949, als die junge Bundesrepublik Deutschland gerade laufen lernt, noch ein mittleres Abenteuer. Komfort und Sicherheit werden noch nicht großgeschrieben, schließlich sind seit Kriegsende erst ganze vier Jahre vergangen. Die Länder haben schon frei gewählte Parlamente, der erste Deutsche Bundestag wird erst im August 1949 gewählt. Für den Abgeordneten des mittelfränkischen Wahlkreises Weißenburg, Richard Stücklen, beginnt die parlamentarische "Stunde Null" mit einem Schock: Im Nachtzug nach Bonn zur konstituierenden Sitzung des 1. Deutschen Bundestages am 7. September 1949 werden dem CSU-Mann die Schuhe gestohlen. Auf Socken gehend, muss Stücklen in der provisorischen Hauptstadt am Rhein neue, feste Fußbekleidung kaufen, erst dann kann er an dem historischen Ereignis teilnehmen. Später wird er darüber lachen und den Nachgeborenen erzählen: Ja, so war es, damals musste man mit allem rechnen.

Ausgebildeter Elektroingenieur

Richard Stücklen ist, als er nach Bonn kommt, gerade einmal 33 Jahre alt: damit ist er das jüngste Mitglied des Hohen Hauses. 1990, nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl, scheidet er schließlich nach insgesamt 41 Jahren aus - als "dienstältester" Volksvertreter aller Zeiten. Er ist das, was man leicht pathetisch ein "parlamentarisches Urgestein" nennt. Minister war Richard Stücklen, CSU-Landesgruppenchef in Bonn und dazu Bundestagspräsident - der erste und bislang einzige mit einem Parteibuch der CSU. Ein Mann mit hellem Verstand, aufgeschlossen und selbstsicher, von einer gewissen Beredsamkeit, der aus taktischen Beobachtungen nicht gleich weltanschauliche Folgerungen zog, fremd allem Doktrinären, ein Mann von großem Fleiß, humorbegabt - so schildert der legendäre Bonner Hofchronist Walter Henkels den Politiker der "ersten Stunde". Dass Stücklen niemals in Gefahr gerät, sich in irgendwelche Ideologien zu verirren, liegt gewiss mit an seiner Profession: Er ist Ingenieur, genauer Elektroingenieur, ausgebildet am Technikum im sächsischen Mittweida, das Examen besteht er als Jahrgangsbester, bei einem AEG-Betrieb in Freiberg (Sachsen) arbeitet er als Abteilungsleiter. 1945 geht er dann zurück ins heimatliche Heideck, um die väterliche Schlosserei zu übernehmen. Ein Bodenständiger.

Gegner von Ideologien

Die Familie im Fränkischen: Es ist eine politische Familie. Onkel Daniel saß für die Sozialdemokraten im Deutschen Reichstag, Vater Georg, wie der Sohn Mitbegründer der CSU, ist Alterspräsident des ersten bayerischen Nachkriegs-Landtags. Die Entscheidung für die Christlich-Sozialen hat mit den Erfahrungen aus der Weimarer Republik zu tun. Gerade in Franken hatte die parteipolitische Orientierung nach konfessionellen Gesichtspunkten zur Zersplitterung der politischen Mitte geführt, das sollte sich nach 1945 nicht wiederholen. Mit diesem Grundsatz betritt der junge Ingenieur, der als 1916 Geborener persönliche Erinnerungen an das Ende von Weimar hat, das Feld der Politik. Der katholische Mittelfranke ist allergisch gegen Gesellschaftsbeglücker jeglicher Provenienz, er hält es mit dem poetischen Realisten Wilhelm Raabe: "Jeder Versuch, das Ganze glücklich machen zu wollen, tötet das Glück des Einzelnen." Das impliziert die Ablehnung aller politischen "Ismen". Und diese Position hält Stücklen durch, auf allen seinen Bonner Stationen, bis zu seinem Tod am 2. Mai 2002 in Weißenburg.

Postleitzahlen eingeführt

Im Deutschen Bundestag ist er zunächst Sprecher der Unionsfraktion für Wirtschaft und Verkehr. Die Mitarbeit an einer neuen Handwerksordnung zählt zu seinen ersten Taten. Als überzeugter Mittelstandspolitiker pocht er auf die konsequente Anwendung des Instrumentariums der Sozialen Marktwirtschaft. 1957 hat ihm Konrad Adenauer das schwierige Verkehrsressort zugedacht, doch Stücklen gesteht dem Kanzler: "Ich hatte eher an das Postministerium gedacht." Daraufhin gibt ihm der Alte von Rhöndorf einen Klaps auf die Schulter: "Na jut, dann wer'n Se eben Postminister." Mit der Einführung der Postleitzahlen erzielt Stücklen einen großen Rationalisierungseffekt. Der Begriff des "Postbenutzers" geht ihm gegen den Strich, er wünscht sich den "Postkunden", der nicht "abgefertigt", sondern am Schalter "bedient" wird. Wie der Kalif Harun al Raschid im Märchen von "Tausendundeiner Nacht" taucht er unangemeldet in Postämtern auf, um nach dem Rechten zu sehen. Bald hat er den Spitznamen weg: Harun al Richard.

Chef der CSU-Landesgruppe

Generalpostmeister wäre er allzu gern geworden, aber das ist nicht zu realisieren. 1966, nach der Bildung der Großen Koalition aus Unionsparteien und SPD, verliert Stücklen dann sein geliebtes Ressort. Von Franz Josef Strauß, soeben zum Bundesfinanzminister aufgestiegen, übernimmt er die Führung der CSU-Landesgruppe in Bonn. Er bleibt in diesem Amt bis zum Jahr 1976. Es ist ein schwieriges Jahrzehnt: In der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU beginnt es stark zu knistern, zu wetterleuchten. Als unauffälliger Mittler - man kann auch sagen: politischer Libero - sorgt der Fußballfan aber für den Zusammenhalt der beiden Unionsschwestern. Am 31. Mai 1979 schließlich tritt er in der Nachfolge von Karl Carstens, der zum Bundespräsidenten gewählt worden ist, an die Spitze des Parlaments in Bonn, davor war er drei Jahre lang dessen Vizepräsident.

Unkonventionelle Antrittsrede

Die Journalisten, die von der Pressetribune den jetzt - nach dem Protokoll - zweiten Mann im Staat beobachten, registrieren schon bald, dass der Neue nicht daran denkt, intellektuelle Vorgänger wie die Unionsfreunde Hermann Ehlers oder Eugen Gerstenmaier zu kopieren. Er kommt nicht mit großen Reformideen, er will nicht übermächtig über den Abgeordneten thronen, sondern das Amt mit "Humor und Augenmaß" (das wird auch der Titel seiner Memoiren sein) ausüben, auch in der neuen, repräsentativen Funktion kein Griesgram werden. "Humor", sagt er in vielen seiner Reden vor dem Wahlvolk, "Humor ist der Mutterboden der Demokratie …Wer als Politiker nicht lachen kann, bei dem hat das Volk nichts zu lachen." Nicht steif, aber würdig - nicht "wütig" - soll es zugehen im Parlament. Stücklen will der Politik "den Stehkragen nehmen". Das zeigt er schon bei seiner Antrittsrede im Hohen Haus. Er legt das mitgebrachte Manuskript zur Seite und schlägt stattdessen vor, den Politikern wenigstens einmal im Monat ein freies Familienwochenende zu gönnen. "Unkonventioneller hat noch kein Bundestagspräsident sein Amt angetreten", notiert der Reporter der "Zeit"

Lob von Herbert Wehner

Wie während seiner Zeit als Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen fehlt es der Frohnatur Stücklen auch als Parlamentspräsident nicht daran, seine Person volkstümlich zu machen. Er kann kämpfen, in den großen Debatten der 1970er Jahre um die Ostverträge tritt er mitunter mit polemischer Schärfe auf, er beherrscht auch das politische Fingerhakeln, aber einen politischen "Feind" kennt er nicht, das wäre gegen seine Natur. "Niemals darf der Respekt vor der anderen, der konkurrierenden Meinung verloren gehen." Dieses Bekenntnis verschafft ihm Anerkennung bis in das damalige sozial-liberale Lager hinein. Herbert Wehner, der alte "Zuchtmeister" der SPD, der Großmeister der Zwischenrufe, nennt den politischen Widerpart einen "schwarzen Ehrenmann".

Am Ende Vizepräsident

In Stücklens Amtszeit fällt 1982 das konstruktive Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt und die Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler - der Pfälzer Kohl wird von dem Franken vereidigt. 1983, die Union hat die vorgezogene Bundestagswahl gewonnen, geht das Präsidentenamt an Rainer Barzel (CDU). Nun wieder Vizepräsident, tritt Richard Stücklen weiter mit aller Entschiedenheit für die Würde des Parlaments ein.

Tumult um Plenum

In die Geschichte, nicht nur des Deutschen Bundestages, eingegangen ist ein Vorgang vom 18. Oktober 1984: Der Grünen-Abgeordnete Jürgen Reents behauptet, der Weg von Helmut Kohl an die Spitze von Fraktion und Partei sei von dem Unternehmer Flick "freigekauft" worden. Reents wird vom amtierenden Präsidenten Stücklen von der Sitzung ausgeschlossen. Darauf Tumult im Saal. Drei Ordnungsrufe an den Abgeordneten und späteren Bundesaußenminister Joseph ("Joschka") Fischer, dann wird auch er wegen permanenten Störens des Saales verwiesen. Im Hinausgehen ruft Fischer dann den inzwischen geflügelten Satz, der heute in keinem Schimpfwörterbuch fehlen darf: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch." Es folgen aufgeregte Debatten im Ältestenrat. Am Tag darauf entschuldigt sich Fischer bei Stücklen.

Lesen Sie im nächsten Teil der Serie: Rainer Barzel

Der Autor Gernot Facius (geb. 1942) lebt und arbeitet als freier Autor in Bonn

Aus Politik und Zeitgeschichte

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