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Jörg Biallas
Japans Menschenbilder

VON JÖRG BIALLAS

Es sind die Bilder von Menschen, die sich in das Gedächtnis meißeln: das Kleinkind, das ehrfürchtig die Strahlenmessung von einem in Schutzkleidung gehüllten Helfer über sich ergehen lässt. Der alte Mann, der weinend auf einem Stein sitzt an der Stelle, wo einst sein Haus gestanden hat. Die Mutter, die nach Tagen verzweifelter Suche ihre Tochter in die Arme schließt. Der Familienvater, der Frau und Kinder verloren hat und alles, was ihm an Besitz geblieben ist, in einer Plastiktüte bei sich trägt. Oder die Frau, die zitternd am Telefon vergeblich auf ein Lebenszeichen ihrer Verwandten wartet. Schließlich die Bilder jener Japaner, die nach westlichem Verständnis so eigenartig diszipliniert und trotz größter Not bemerkenswert gefasst mit der Bedrohung durch radioaktive Verstrahlung umgehen.

Japan ist abermals von einer Katastrophe heimgesucht worden, die sich einreiht in die Traumata der Landesgeschichte. Wie das Große Erdbeben 1923, als in der Hafenstadt Yokohama und im benachbarten Tokio 140.000 Menschen ihr Leben verloren. Oder die Atombomben-Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 mit mehr als 90.000 Toten und zahlreichen Opfern bis zum heutigen Tag.

Und nun die grausame Verknüpfung, die die Welt fassungslos macht: das Zusammenspiel einer nicht vorhersehbaren und damit unkontrollierbaren Naturgewalt, die wiederum von Menschenhand gemachte Energietechnik außer Kontrolle geraten lässt. Wie damit umzugehen ist, darüber streiten Politiker und diskutieren Parlamente. Auch abseits von erdbebengefährdeten Regionen. In vielen Ländern wird über die Sicherheit von Atomkraft zur Energiegewinnung neu nachgedacht - wie in Deutschland. Sind die Meiler wirklich krisenfest genug? Wie ist umzugehen mit der Bürde, die eine Entsorgung der Brennstäbe der nachwachsenden Generation auferlegt? Kann ein Ausstieg aus der Kernkraft kurzfristig mit anderen Formen der Energiegewinnung kompensiert werden? Sind neue Konzepte nötig?

Sicher, diese Fragen stellen sich nicht erst seit der Katastrophe in Japan. Aber sie stellen sich heute anders. Weil gewahr geworden ist, dass ein Restrisiko eben mehr sein kann als eine rechnerische Größe, die zu vernachlässigen ist. Und weil in Japan der mutige wie verzweifelte Einsatz der Techniker und Hilfskräfte am Unglücksreaktor ihre augenscheinliche Hilflosigkeit im Umgang mit der Katastrophe nicht zu übertünchen vermag.

Und abermals sind es diese Bilder von Menschen, die mahnend im Gedächtnis bleiben werden. Eine zukunftsweisende politische Meinungsbildung über den Umgang mit bestehenden Kernkraftwerken ist im Lichte der bedrohlichen Ereignisse in Japan fraglos notwendig. Wer das mit Verantwortung tut, wird das Schicksal des japanischen Volkes in diesen Tagen gewiss nicht aus dem Blickfeld verlieren. Ein Schicksal, das nur schwer mit Fassung zu ertragen ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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