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Sophie Mühlmann
Schlafende Vulkane

ASIEN China, Indien und Indonesien bauen trotz geologischer Risiken neue Atomkraftwerke

Die Atomkatastrophe in Fukushima hat die Welt schockiert, doch viele Regierungen in Asien halten an ihren ehrgeizigen Atomambitionen fest. Der aufstrebende Kontinent braucht Strom. Von allen Ländern Asiens prescht China am schnellsten voran. Schon jetzt hat die Volksrepublik 13 Reaktoren am Netz, die insgesamt elf Gigawatt Strom produzieren. Bis 2015 sollen es 40 Gigawatt sein, was etwa 28 neuen Kernkraftwerken entspricht. Allerdings werden Zweifel laut: sämtliche Reaktoren stehen an der Küste - und sind damit theoretisch ebenso gefährdet wie Fukushima. Man werde nicht von den einmal gefassten Atomplänen abrücken, erklärte Vize-Umweltminister Zhang Lijun zunächst nach dem Treffen des Nationalen Volkskongresses am 14. März, nur die Sicherheitskontrollen würden verstärkt werden. Zwei Tage später machte Peking dann eine Kehrwende: Sämtliche Genehmigungsverfahren für Atomprojekte wurden auf Eis gelegt. Die Sicherheitsbestimmungen würden zunächst komplett überarbeitet.

Größtes Kernkraftwerk der Welt

Asiens zweite Großmacht, Indien, hat ebenfalls hochfliegende Nuklearambitionen. Das Land plant die größte Kernkraftanlage der Erde: Das umstrittene Projekt Jaitapur im Bundesstaat Maharashtra soll ab 2013 gebaut werden und spätestens 2019 ans Netz gehen - allen Protesten von Umweltschützern zum Trotz. Zur Zeit sind in Indien zwanzig Atomreaktoren in Betrieb. Wie auch in Fukushima liegen mehrere der Anlagen direkt an der Küste. Allerdings, so beeilt sich die indische Regierung zu betonen, liegen sie alle in relativ ungefährlichen seismischen Zonen. Vor dem Parlament Lok Sabha versichern Premierminister Manmohan Singh und seine Minister ein ums andere Mal, wie erfahren die Inder in Sachen Atomenergie und wie hoch die Sicherheitsstandards seien.

Erdbebengebiet

In Indonesien, wo über 80 Prozent der Fläche erdbebengefährdet sind, hat das Parlament allen Protesten zum Trotz dem Bau von AKW bereits zugestimmt. Auch hier spielt die Regierung die Risiken herunter. Das Parlament hat dem Land ein Ziel gesetzt: Zwischen 2015 und 2020 soll seine erste Atomkraft ins Netz gespeist werden. Die Opposition gegen die Projekte ist stark. So wurde das geplante Prestigeprojekt eines Kraftwerks an der Murial Halbinsel an Javas Küste, am Fuße eines schlafenden Vulkans, von Atomgegnern ausgebremst, doch die Regierung will unbeirrt daran festhalten.

Innerhalb des vom Präsidenten ins Leben gerufenen Nationalen Ernergierates sind die Meinungen gespalten. Einige Mitglieder wollen die Atomenergie zuerst genauer studieren. Andere aber sehen die Frage pragmatischer. "Wir müssen an unsere langfristige Energieversorgung denken", meint zum Beispiel Herman Agustiawan vom Nationalen Energierat, "Unsere Bevölkerung zählt 240 Millionen Menschen. Wir haben keine Wahl".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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