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Eva Goldfuß/Alexander Heinrich
Kurz notiert

Frankreich

Frankreich ist Nummer Eins in Europa: Mit 58 Atomreaktoren und einem Anteil von rund 75 Prozent an der Gesamtstromerzeugung setzt kein anderer europäischer Staat stärker auf Kernenergie. Zudem gilt der französische Energiekonzern Areva als Weltmarktführer in der Nukleartechnik. Paris hält trotz der Katastrophe von Fukushima an der Atomkraft fest. So reiste Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy als erster ausländischer Staatschef nach Tokio, um Hilfe anzubieten und um im gleichen Atemzug ein Plädoyer für die Atomkraft zu halten. Auch Premier Fillon von der konservativen UMP weist darauf hin, dass die Anlagen überprüft, die französischen Kernkraftwerke aber zu den sichersten überhaupt gehören würden. Anders die französischen die Sozialdemokraten (PS): Die Partei wirbt erstmals für den Ausstieg aus der Atomkraft und den Einstieg in erneuerbare Energien. Frankreichs Grüne fordern ein Referendum zum Atomstrom.

Tschechien und Polen

Das 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernte Atomkraftwerk Temelín in Tschechien soll in den nächsten Jahren um zwei Reaktorblöcke erweitert werden. Die Anlage mit ihren sowjetischen Reaktortypen wird von Anwohnern aus Österreich und Deutschland kritisch betrachtet. Temelín-Sprecher Svitak sieht Chancen für den Stromexport: "Von einem Atomausstieg in Deutschland könne man sicher profitieren." Auch im Nachbarland Polen nimmt man keinen Abstand von eigenen Atomplänen. "Das wichtigste ist, trotz der dramatischen Ereignisse einen kühlen Kopf zu bewahren", sagte Premier Donald Tusk. Bis Ende 2020 sollen 15 Prozent des Stroms aus polnischer Kernkraft kommen. Als Standort ist das ostpolnische Zarnowiec nahe der Ostseeküste im Gespräch. Hier war bereits in den 1980er Jahren ein Atomkraftwerk in Planung.

Türkei

Obwohl der Staat am Bosporus eines der erdbebengefährdetsten Länder der Erde ist, hält Ministerpräsident Erdogan an den Atomplänen fest. Seit einem Jahr wird der Bau von zwei Anlagen geplant. Ankara will sich von der Abhängigkeit von Erdgaslieferungen aus Russland und dem Iran lösen. Das erste AKW in der Stadt Akkuyu am südöstlichen Mittelmeer soll ab 2013 vom russischen Konzern Rosatom gebaut werden. Für den Bau eines zweiten AKW in der Hafenregion Sinop am Schwarzen Meer hat die Regierung bereits einen Verhandlungspartner gefunden: Tepco - den Betreiber des japanischen Atomkraftwerks Fukushima.

Italien

Die Regierung in Rom legt den geplanten Wiedereinstieg in die Atomkraft für ein Jahr auf Eis. Italien hatte 1987 - ein Jahr nach dem Super-GAU von Tschernobyl - in einem Referendum den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen und alle vier Kraftwerke des Landes stillgelegt. 2008 beschloss die Regierung Berlusconi per Dekret den Bau neuer Meiler. Die Pläne waren bereits vor dem Atomunfall in Japan heftig umstritten und sollten im Juni in einem neuen Referendum zur Abstimmung gestellt werden. Italien gehört zu den erdbebengefährdetsten Ländern Europas.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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