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SERIE ÜBER ABGEORDNETENBÜROS: ZU BESUCH BEI HOLGER ORTEL
Tatjana Heid
»Mein Büro ist ein Stück Heimat«

Im Leben eines Abgeordneten gibt es so manch stürmischen Moment: verheerende Wahlniederlagen, der Verlust der Regierungsmehrheit, Angriffe des politischen Gegner. Holger Ortel hat jeden Tag stürmische Momen- te - allerdings nicht im übertragenen Sinne, wie man meinen könnte. In dem Büro des SPD-Abgeordneten, ganz oben im Paul-Löbe-Haus, hängen Fotografien von Fischkuttern, die der kabbelnden See trotzen, die halb unter den Wellen verschwinden und doch nicht untergehen. Es sind Küstenfischer, Krabbenfischer und Hochseefischer. An der gegenüberliegenden Seite hängen Poster und Bilder von Leuchttürmen - von der deutschen Nordseeküste, aus Großbritannien und aus Frankreich.

Ortel ist der "Fischkopf" der SPD-Fraktion, wie er sich selbst nennt. Als Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz ist er für alle Themen rund um die Fischerei verantwortlich. Kein Gesetzentwurf, Antrag oder Anfrage, die nicht auf seinem Schreibtisch gelandet wären.

Die Schwerpunkte seiner Politik sieht man dem Büro an: Dort stehen Modelle von Fischkuttern, Flaschenschiffe, mit Möwen bemalte Steine, ein kleiner schwarz-weißer Leuchtturm. An der Wand hängt das Bild eines Aals - Anguilla anguilla lautet der wissenschaftliche Name. Für Ortel ist er das "Sorgenkind der Fischerei", weil die Bestände stark zurückgehen. Direkt neben dem Sorgenkind hängt Ortels Lieblingsstück: eine Urkunde, die ihn zum "Freien Elbfischer 2006" ernennt. Freier Elbfischer wird man, wenn man sich besonders für das Elbtal und die Fischerei einsetzt. Ortel freut sich noch immer, wenn er an die mit der Urkunde verbundene Prüfung denkt. Er musste mit den Fischern raus aufs Wasser, eine Fischreuse einholen, den Fang begutachten und die Fische benennen. "Ich kannte sie alle", sagt Ortel. "Zander, Aal, Hecht. Alle."

Ortel ist an der Nordsee geboren, aufgewachsen und hat dort auch seinen Wahlkreis: Delmenhorst - Weser- marsch - Oldenburg-Land. Das Wasser, die Fischerei, all das kennt er seit seiner Kindheit. Sein Vater und sein Großvater sind beide Angler. Ortel ist 60 Jahre alt. Zu seinen frühesten Erinnerungen gehören die vielen Stunden, die er mit seinem Großvater beim Angeln verbracht hat.

Seit drei Jahren ist Ortel Präsident des Deutschen Fischerei-Verbandes, der Union der Berufs- und Sportfischer. Er selbst ist Sportfischer, die Kutter an der Wand kennt er aus Erfahrung. Er ist damit schon oft auf die Nordsee gefahren; "aus Zeitgründen heute leider weniger als früher". Und wie er das sagt, an seinem Schreibtisch sitzend, in Hosenträgern, mit einer Kanne Tee vor sich, den Blick auf das Dach des Paul-Löbe-Hauses gerichtet, um das der typische Berliner Wind weht, da glaubt man sofort, dass eine Fahrt mit dem Fischkutter für ihn Entspannung bedeutet. In Berlin, sagt er, vermisst er die jodhaltige Luft, den Schellfisch mit Kartoffeln und Senfsoße, die frische Brise, den Deich. "Mein Büro ist ein Stück Heimat. Ich schleppe die Sachen schon seit Bonn mit mir herum."

In der nächsten Ausgabe: Besuch bei Elke Hoff

Aus Politik und Zeitgeschichte

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