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KURZ REZENSIERT
Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Die Hauptverantwortung für den Bau der Mauer und alle ihre Folgen trägt die ostdeutsche kommunistische Führung. Zu diesem Ergebnis kommt die US-amerikanische Historikerin Hope M. Harrison in ihrem herausragenden Buch. Alle anderslautenden Behauptungen der damaligen SED-Führung, die Schuld liege bei der Sowjetunion und beim Kalten Krieg, seien nichts als freche Lügen.

Dank ihrer langjährigen Archivforschungen in Russland, Deutschland und den USA gelang Harrison eine detaillierte Analyse der internationalen Lage, insbesondere der sowjetisch-ostdeutschen Beziehungen nach dem Tod Stalins im März 1953 bis zum Mauerbau 1961. In einer klaren Sprache und präzisen Bewertungen informiert die Autorin den Leser über die Komplexität dieser bilateralen Beziehungen, um festzustellen, dass es Walter Ulbricht selbst gewesen sei, der jahrelang versucht hatte, Berlin abzuriegeln. Ulbricht verlangte die Grenzschließung, doch bis zum Sommer 1961 gab Moskau diesen Bestrebungen nicht nach. Harrison erklärt, warum Nikita Chruschtschow schließlich einlenkte und die Sowjetunion das Vorhaben militärisch unterstützte.

Die Autorin weist auf den überraschend großen Handlungsspielraum hin, den Ulbricht seit Stalins Tod 1953 hatte: "Nicht nur Washington, sondern auch Moskau fiel es mitunter schwer, seinen Verbündeten unter Kontrolle zu halten." Während der Berlin-Krise (1958 bis 1961) handelte Ulbricht "immer eigenständiger", obwohl Chrusch-tschow ihn ermahnt hatte, in Berlin keine Alleingänge zu unternehmen, solange er sich um eine Einigung mit dem Westen bemühte. Obwohl beide den Sozialismus in der DDR dauerhaft durchsetzen wollten, war Moskau bestrebt, die Beziehungen zum Westen zu verbessern. Zudem musste die Sowjetunion nicht nur die USA im Auge behalten, sondern auch die Volksrepublik China. Dagegen ging es Ulbricht vor allem darum, seine persönliche Macht und die Stabilität seiner Herrschaft zu sichern und die Ziele der DDR hartnäckig zu verfolgen.

Hope M. Harrison:

Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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