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Hans Krump
Was Gläubige auseinandertreibt: Ein Riss geht durch den deutschen Katholizismus

KIRCHE IN DER KRISE Auch vor dem Papstbesuch schwelt der Streit zwischen Reformern und Romtreuen weiter. Ein Dialogprozess soll zur Entspannung beitragen

Vor dem ersten offiziellen Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. hat die Polarisierung zwischen Reformern und betont Romtreuen unter den Katholiken im Lande einen neuen Höhepunkt erreicht. Es geht um Fragen wie die Lockerung des Zölibats, das Frauen-Diakonat, die Sakramente für wiederverheiratet Geschiedene oder eine andere Sexualmoral. Durch die deutschen Katholiken geht seit Jahren ein tiefer Riss zwischen "Modernisierern" und "Glaubenstreuen", der durch die Missbrauchsfälle in der Kirche 2010 einen neuen Schub erhalten hat.

Misstrauen in Rom

Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zeigt sich Forderungen nach Veränderungen gegenüber aufgeschlossen: Man müsse "ein Stück Umbauarbeit leisten im laufenden Betrieb", sagte er jetzt der Zeitung "Die Zeit". Auch ihn ärgere die Langsamkeit von Veränderungen in der Kirche. Und mahnend sagt der Freiburger Erzbischof in Richtung Rom, dort gebe es Kreise, "die wittern gleich den Glaubensabfall, wenn wir in Deutschland etwas kontroverser diskutieren". Den Papst nimmt Zollitsch dabei aus, aber für viele Kardinäle beim Vatikan bleibe Deutschland das Land Martin Luthers, der Glaubensspaltung, eine bis heute schwärende Wunde bei den Katholiken. Die Existenz zweier zahlenmäßig gleich großer christlicher Kirchen in Deutschland und die "protestantische Alternative" sind auch ein Erklärmuster für den harten innerkirchlichen Streit, den es in ähnlicher Form sonst nur noch in den deutschsprachigen Nachbarländern Schweiz und Österreich gibt.

Laien im Disput

Die Antreiber der Reformdebatte finden sich vor allem im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Die Laienorganisation steht bei Rom-Orientierten im Verdacht, die katholische Kirche "protestantisieren" zu wollen. ZdK-Präsident Alois Glück dagegen macht für die derzeitigen Spannungen vor allem "konservativ orientierte Strömungen" verantwortlich, die allzu sehr bestimmen wollten, was katholisch und gläubig sei und was nicht. Das ZdK stützt sich in seinen Reformforderungen auch auf Umfragen unter den Gläubigen, die mehrheitlich eine andere Kirchenhaltung zum Zölibat, zu Homosexuellen oder zur Rolle von Frauen in der Kirche fordern. Das sich als ZdK-Alternative und "lehramtstreu" verstehende Forum Deutscher Katholiken dagegen wirft den Reformfreudigen vor, allzu sehr zu vergessen, dass es in der Kirche eine "Erneuerung nur im Glauben" geben könne. Forums-Vorsitzender Hubert Gindert sagt, die "erste Frage muss heißen, glaube ich an Gott?", und: "Richtet man sich nach dem, was Jesus Christus getan und gesagt hat beziehungsweise was davon überliefert ist?"

Umstrittenes Zölibat

Vor allem der Disput über das Pflichtzölibat hat seit langem Stellvertreterfunktion in der Auseinandersetzung zwischen Reformern und Romtreuen. Die Ehelosigkeit der Priester ist kein Dogma, aber ein Lehrsatz in der katholischen Kirche, und wie kaum eine andere Regel in der modernen Welt umstritten. Für die Reformer ist das Zölibat ein Ergebnis der Disziplinierung von Klerikern durch Päpste im 11./12. Jahrhundert, die Konservativen verweisen indes darauf, dass schon auf der Synode von Elvira (bei Granada) um 306 Enthaltsamkeit angemahnt wurde. Papst Benedikt XVI. hatte erst kürzlich auf dem Weltjugendtag in Madrid die Ehelosigkeit als zentralen Bestandteil des Priesterdaseins ("um des Himmelreiches willen") verteidigt. Im Zuge der neuen Missbrauchsfälle bei Priestern wurde wieder heftig über die Regel gestritten. Für Aufregung sorgte zu Jahresbeginn ein Brief prominenter CDU-Politiker, unter ihnen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundesbildungsministerin Annette Schavan, an die deutschen Bischöfe, wonach sie sich dafür einsetzten sollten, bewährte verheiratete Männer ("viri probati") zu Priestern zu weihen. Dies könne ein wirksames Mittel gegen den Priestermangel sein. Neben den zuletzt stark gestiegenen Kirchenaustrittszahlen ist auch der drastische Rückgang von Priesterseminaristen eins der drängendsten Probleme der katholischen Kirche in Deutschland.

Gespaltene Bischöfe

Entscheiden kann über Fragen wie Zölibat oder Frauen-Diakonat indes nur Rom, nicht die deutschen Bischöfe. Die zeigen sich in der Reformdebatte wie die Gläubigen gespalten. Eine leichte Mehrheit unter den 27 Diözesanbischöfen gilt als konservativ-romorientiert, darunter Joachim Meisner (Köln), Franz-Josef Overbeck (Essen), Gerhard Ludwig Müller (Regensburg) oder Franz-Peter Tebartz-van Elst (Limburg). Als Reformen gegenüber aufgeschlossen gelten unter anderem Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart), Franz-Josef Bode (Osnabrück) oder Bischofskonferenz-Chef Zollitsch, der im Kreis seiner Amtsbrüder aber nur Moderator ist. Bischöfen wie dem mediengewandten Münchner Kardinal Reinhard Marx wird häufig keine klare Position zugeschrieben.

Dialogprozess

Immerhin haben die deutschen Oberhirten inzwischen einen mehrjärigen Dialogprozess zwischen den Lagern in Gang gesetzt, auch, um nach den Erschütterungen durch den Missbrauchskandal vor dem Papstbesuch zur Beruhigung der Gläubigen beizutragen. Zum Auftakttreffen mit 300 Teilnehmern in Mannheim Anfang Juli war aber nur ein gutes Drittel der Diözesanbischöfe erschienen, vor allem romtreue blieben fern. Der konservative Ruhrbischof Overbeck indes schärfte den Teilnehmern in Mannheim ein, dass es "Antworten auf gegenwärtige Fragen" nur "auf der Grundlage der Offenbarung und der Lehre der Kirche" geben könne. In einem Interview erklärte er kurz später zu Zölibat, Frauen-Diakonat oder Wiederzulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie: "Es gibt Positionen der Kirche, die sind nicht verhandelbar."

Klare Ziele vermisst

Das alles zur Enttäuschung des Reformlagers. Der Theologe Prof. Hermann Häring, früher Assistent des Papst-Kritikers Hans Küng, spricht von einer "inszenierten Veranstaltung" in Mannheim, bei der es zu "keinem offenen Gespräch" über Missstände in der römisch-katholischen Kirche gekommen sei. Der Episkopat wolle nur "Überkommenes retten", und Häring fordert die Basis-Gemeinden auf, "selbstständiger" gegenüber den Kirchenoberen zu werden. Hubert Gindert vom Forum Deutscher Katholiken vermisst dagegen, dass in Mannheim für den Dialogprozess "keine klaren Ziele" festgelegt worden seien. Gespannt blickt man bei den deutschen Katholiken nun auf den Papstbesuch. Wird sich das Kirchenoberhaupt in seiner Heimat zur Reformdebatte äußern? Bei einer Begegnung mit vier deutschen Bischöfen Mitte August unter Führung von Kardinal Zollitsch zeigte sich Benedikt XVI. laut einer dürren Meldung nur "sehr interessiert" am Gesprächsprozess. Zu den Inhalten der Debatte indes schwieg der Papst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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