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Alexander Kissler
Der Heilige Vater

RELIGION Benedikt XVI. streitet für eine Erneuerung des christlichen Glaubens. Von Reformen hält er nicht allzu viel

Schönheit wird uns retten: Dieser Gedanke mag fern liegen, die Leitlinien des Pontifikats Benedikts XVI. zu skizzieren. Doch er führt mitten hinein ins Denken und Wirken Joseph Ratzingers, der seit dem 19. April 2005 Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Vatikanstaates ist. Den Katholiken gilt er als Stellvertreter Christi auf Erden. Neulich, am 31. August, sagte er bei der Generalaudienz: Die schöne Kunst, die Musik, die Malerei, die Dichtung, offenbare "den Durst nach dem Unendlichen" und zeige Wege zu Gott, "der höchsten Schönheit". In anderen Worten: Wo immer das Auge die Schönheit streift, öffnet sich ein Spalt für Gott, lugt der Schöpfer aus der Schöpfung hervor.

Joseph Ratzinger, geboren vor 84 Jahren im bayerischen Marktl am Inn, ist als Papst der erste Beter seiner Kirche und ihr erster Kritiker, er will Vernunft und Glaube versöhnen, die christlichen Kernlande neu evangelisieren, das Band der universalen Solidarität unter den Bedingungen der Globalisierung festigen, den Dialog der Religionen vorantreiben und das Eigentliche des katholischen Glaubens herausarbeiten. Er will auch die Schönheit der Erde und des Menschen retten helfen vor den Entstellungen unserer Tage - vor Umweltzerstörung und Egoismus, vor Profitgier und Habsucht. In der Messe zur Amtseinführung dachte er beide Aspekte zusammen: "Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Deshalb dienen die Schätze der Erde nicht mehr dem Aufbau von Gottes Garten, in dem alle leben können, sondern dem Ausbau von Mächten der Zerstörung. (…) Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe." In seiner ersten Enzyklika von 2006, "Deus caritas est", fand sich dieser Zusammenhang breit ausgeführt.

Humanismus

Benedikts christlicher Humanismus basiert auf der Einsicht, dass alle Besserung der Welt wie der Kirche am Ich anzusetzen habe: "Die Welt wird besser, indem man bei sich selbst anfängt, indem man mit der Gnade des Herrn das ändert, was im eigenen Leben nicht gut ist." Ein derart anspruchsvolles Programm übersteigt die Kräfte eines einzigen Menschen. So bat er nach der Wahl um Verständnis für die "Grenzen meiner Person und meiner Fähigkeiten". Dabei wisse er, "wer glaubt, ist nie allein, im Leben nicht und auch im Sterben nicht." Unter diesem Motto stand 2006 die Pastoralreise in seine bayerische Heimat.

Die Tage in München, Regensburg und Freising zeigten damals einen gelösten, heiteren Papst, der sich immer wieder an sein akademisches Wirken erinnerte. Im Dom zu Freising gedachte er seiner Priesterweihe dort am 29. Juni 1951 und seines Studiums wie auch seiner Dozententätigkeit in der Stadt vor den Toren Münchens, wo er von 1954 bis 1959 Dogmatik und Fundamentaltheologie lehrte. Professuren in Bonn, Münster, Tübingen und schließlich Regensburg folgten, ehe ihn 1977 Papst Paul VI. zum Erzbischof von München und Freising ernannte. Insofern war auch die Rede an der Regensburger Universität im September 2006 eine Reise in die eigene Vergangenheit. Sie begann mit den Worten, es sei für ihn "ein bewegender Augenblick, noch einmal in der Universität zu sein und noch einmal eine Vorlesung halten zu dürfen".

Meilenstein

In Kontinuität zu Johannes Paul II., dessen engster Berater er von 1981 bis 2005 als Präfekt der Glaubenskongregation war, bekennt sich Benedikt zur "vorrangigen Verpflichtung, (…) mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten." Ein Meilenstein auf diesem Weg war Ende 2006 das Treffen mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. Die Erklärung von Istanbul schrieb den Willen fest, an der Überwindung des Schismas "durch Gebet und maßgebliches Handeln" zu arbeiten, schließlich seien "unsere theologischen und moralischen Traditionen ein solides Fundament für eine gemeinsame Verkündigung und ein gemeinsames Handeln."

Das historische Abkommen wurde überlagert von der Nachsorge nach der Regensburger Rede. Mit Benedikt betrat jener Papst türkischen Boden, der in einem missverstandenen, missverständlichen Referat zehn Wochen zuvor die Frage nach dem Zusammenhang von Religion, Vernunft und Gewalt am Beispiel des Islam aufgeworfen hatte. "Zeig mir doch", hatte Joseph Ratzinger in Regensburg einen byzantinischen Kaiser zitiert, "was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten." Proteste nicht immer hinreichend informierter Muslime waren die Folge. Langfristig aber gewann der Dialog an Schwung. Im Oktober 2007 bekräftigten 138 muslimische Gelehrte, "die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab". Deshalb wolle man "fair, gerecht und freundlich zueinander sein". Im November 2008 trat erstmalig ein katholisch-muslimisches Forum im Vatikan zusammen.

Wie aber steht es um das hierzulande streng beäugte Gespräch zwischen Katholiken und Protestanten? Gerade weil Joseph Ratzinger lange Jahre in Deutschland lehrte, kennt er dessen Grenzen. Die theologische wie institutionelle Zersplitterung des Protestantismus erschwert ein Fortkommen. Papst Benedikt setzt auf eine Ökumene des Gebets. Bei der Weltgebetswoche zur Einheit der Christen nannte er im Januar den Weg zur Einheit einen "moralischen Imperativ". Ihn gelte es "vor allem mit der Umkehr der Herzen und mit dem Gebet" zu beschreiten.

Hoffnung

Auf diesem unebenen Geläuf bildet den Fliehpunkt der benediktinischen Betrachtung abermals der innere Mensch. Um ihn ist auch die zweite Enzyklika von November 2007 über die Hoffnung zentriert. "Spe salvi" entfaltet ein Panorama geglückter Lebensführung vor christlichem Horizont. In Abgrenzung von Marxismus wie Materialismus, in Diskussion mit Adorno und Augustinus zeichnet Benedikt die Wandlungen des Hoffnungsbegriffes nach und folgert: "Der Mensch braucht Gott, sonst ist er hoffnungslos." Durch Glauben erhielten die vielen Alltagshoffnungen ein tragendes Fundament, eine "Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind."

Hoffnung ist auch vonnöten beim Blick auf die ökonomischen Verhältnisse. Schon in "Deus caritas est" hatte Benedikt 2006 geschrieben: "Gerechtigkeit ist Ziel und daher auch inneres Maß aller Politik. (…) Die gerechte Gesellschaft kann nicht das Werk der Kirche sein, sondern muss von der Politik geschaffen werden." Wie aber kann eine menschenwürdige, gerechte Wirtschaft wahr werden? Die dritte Enzyklika, "Caritas in veritate", wendet sich im Juli 2009 diesem schwierigen Problem zu. In Anlehnung an die katholische Soziallehre fordert Benedikt eine "echte ganzheitliche Entwicklung des Menschen" in einer guten Gesellschaft. Nötig seien Menschen, die sich als Träger der Nächstenliebe verstehen, auch wenn sie dem "Spiel privater Interessen und Logiken der Macht" ausgesetzt sind. Für Aufsehen sorgte die Einschätzung, dass "das Prinzip der Unentgeltlichkeit und die Logik des Geschenks (…) im normalen wirtschaftlichen Leben Platz haben können und müssen."

Soziale Marktwirtschaft

Ein Antikapitalist ist Benedikt ebenso wenig wie ein Globalisierungsgegner. Er befürwortet die soziale Marktwirtschaft und wendet sich wider die Instrumentalisierung des Menschen auf jedem Gebiet. Die Losung heißt Ganzheitlichkeit: Die Wirtschaft muss im Dienst des Menschen stehen, der kein Produkt der ökonomischen Verhältnisse sei; die Schöpfung wird bewahrt, wenn Human- und Umweltökologie einander ergänzen. Konkret: Wer Laubwälder retten will, dürfe nicht Abtreibung befürworten; "das Buch der Natur ist eines und unteilbar".

Sein Blick auf die katholische Kirche ist ganzheitlicher und nicht unkritisch. Von der Dominanz der Nabelschau zulasten der Verkündigung und dem Vorrang der Struktur- vor den Glaubensfragen distanziert er sich: "Im Herzen der Kirche muss stets ein missionarisches Feuer brennen." In seinem Bestseller "Jesus von Nazareth" heißt es, die Kirche bedürfe "immer wieder der Reinigung. Die eigene Größe des Menschen wie auch der Institutionen muss weggeschnitten werden; was allzu groß geworden ist, muss wieder in die Einfachheit und Armut des Herrn selbst zurückgeführt werden."

Die Rehabilitation der alten lateinischen Messe 2007 lässt sich als missionarischer Akt deuten und als Versuch, liturgische Klarheit und Einfachheit zurückzugewinnen. Und als der Papst auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise im März 2010 einen Brief an die irischen Katholiken schrieb, erwähnte er neben der Schwere der Vergehen die "oftmals unangemessenen Reaktionen der kirchlichen Autoritäten". Er wandte sich gegen die "wohlmeinende, aber fehlgeleitete Tendenz" der 1970er und 1980er Jahre, Strafen um des lieben Friedens willen zu vermeiden- und weil im nachkonziliar erneuerten Kirchenbild scheinbar weder Schuld noch Sünder vorgesehen waren.

Unumstritten sind die wenigsten Deutungen und Appelle des Papstes, mehrheitsfähig nicht alle. Joseph Ratzinger weiß darum. Vielleicht findet er sich wieder in der Charakterisierung des Dichters Botho Strauß, der über den Papst einmal schrieb, dieser sei "der Letzte auf dieser Erde, der dazu berufen ist, das Heil nicht von Reformen zu erwarten". Man darf ergänzen: wohl aber von innerer Erneuerung, Gerechtigkeit und globaler Ganzheitlichkeit.

Kissler ist Journalist und Autor von "Der

deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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