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Verena Renneberg
Warten auf den Papst

STAATSBESUCH Auf seiner Deutschlandreise spricht Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag

V ier Tage, vier Orte und mehr als 30 Termine binnen 96 Stunden: das sind die Eckdaten des Papstbesuchs. Vom 22. bis 25. September wird Benedikt XVI. zu Gast in Deutschland sein. Es ist der erste offizielle Besuch des Mannes, der als Oberhaupt eines anderen Staates, des Vatikans, in die Heimat kommt. Zwei Mal erst war er seit seiner Wahl 2005 zum höchsten Würdenträger der katholischen Kirche in Deutschland: zum Weltjugendtag in Köln kurz nach Amtsantritt und zum Besuch seiner bayerischen Heimat 2006. Bereits damals traf er sich mit politischen Vertretern der Bundesrepublik. Dieses Mal folgt er der Einladung des Bundespräsidenten Christian Wulff.

Historisches Ereignis

Benedikt XVI. wird nicht nur Vertreter aller fünf Verfassungsorgane treffen, sondern auch im Deutschen Bundestag sprechen. Er ist der erste deutsche Papst seit 482 Jahren. Und er ist der erste Papst, der vor dem deutschen Parlament spricht: am Donnerstag, den 22. September. Ratzingers Rede ist für 16.15 Uhr angesetzt. Die "historische Bedeutung" hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bereits im Vorfeld betont. In allen Fraktionen gebe es einen "ganz breiten Konsens," so Lammert, dass die "seltene und zu unser aller Lebzeiten vermutlich auch nicht wiederholbare Gelegenheit, einen deutschen Papst in der deutschen Hauptstadt begrüßen zu können, auch durch eine Einladung vor dem Deutschen Bundestag zu sprechen, begleitet werden sollte".

Zwar sind laizistische Kritiker der Meinung, dass die Rede des Papstes im Parlament der Trennung von Staat und Kirche und der weltanschaulichen Unabhängigkeit des Bundestags widerspreche. Dem entgegnet Lammert jedoch, dass es bei Einladungen von Staatsoberhäuptern, vor dem Bundestag zu sprechen, neben Zustimmung immer auch kritische Einwände gebe. Das gehöre "zu den selbstverständlichen Begleiterscheinungen einer liberalen Gesellschaft".

Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz und Generalkoordinator der Papstreise, stellte jüngst heraus, dass der Papst vor den Volksvertretern und damit zum gesamten deutschen Volk spreche. "Er kann die Wertschätzung des Apostolischen Stuhls und der katholischen Kirche für die freiheitliche Verfassung unseres Landes und für das Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringen, mit dem im Innern wie im Äußeren Menschenrechte, soziale Anliegen und generell ein Ethos der Freiheit bei uns Beachtung finden." In seiner Rede habe Benedikt XVI. laut Langendörfer auch Gelegenheit, sich zur Beziehung zwischen Kirche und Staat in Deutschland "in einer Situation religiöser Pluralität" zu äußern.

Das Miteinander der Religionen ist ein zentrales Anliegen des Papstes und findet sich auch in den Terminen seiner Deutschlandreise wieder. Im Anschluss an die Bundestagsrede wird er Vertreter der jüdischen Gemeinde treffen. Für den darauffolgenden Tag stehen in Berlin ein Termin mit Vertretern des Islam, gegen Mittag in Erfurt ein Treffen mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirchen Deutschlands und ein ökumenischer Gottesdienst auf dem Programm. Der offizielle Leitspruch zum Deutschlandbesuch, "Wo Gott ist, da ist Zukunft", bietet viel Raum für ökumenische und interreligiöse Dialoge zwischen den drei großen monotheistischen Weltreligionen. Dieses Motto ist ein Zitat des Papstes, das er während seines Besuchs im österreichischen Wallfahrtsort Mariazell 2007 geprägt hat.

Dass Benedikt XVI. die Ökumene in Deutschland ein "besonders wichtiges Anliegen" ist, betonte Bundestagspräsident Lammert unmittelbar im Anschluss an eine Privataudienz Ende Mai. Gemeinsam mit Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckhardt (Bündnis 90/Die Grünen) war er in den Vatikan gereist, um mit dem Papst die bevorstehende Deutschlandreise zu besprechen. Lammert hatte die Grünen-Politikerin damals gebeten, ihn zu begleiten, "um auf diese Weise deutlich zu machen, dass auch und gerade aus der Perspektive des Bundestags sich ein sehr starker Akzent der Erwartung auf das Thema Ökumene richtet", sagte er. Göring-Eckhardt wird Benedikt XVI. in ihrer Funktion als Präses der Synode der Evangelischen Kirche am 23. September im Augustinerkloster in Erfurt begrüßen. Sie stellt heraus, dass die Region um Erfurt nicht nur durch die Reformation vor fast 500 Jahren, sondern auch durch eine starke Säkularisierung zu DDR-Zeiten geprägt ist. Den Papst-Besuch sieht Göring-Eckardt deshalb als "etwas sehr besonderes". Zudem erhofft sie sich "sehr interessante" katholisch-evangelische Gespräche.

Pilgerfeld in Thüringen

Von Erfurt aus wird der Papst am späten Nachmittag per Hubschrauber zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im thüringischen Teil des Eichsfelds fliegen. Das nächstgelegene Dorf ist Steinbach mit nur rund 560 Einwohnern. Und die nächstgelegene große Stadt ist nicht etwa die Landeshauptstadt Erfurt, sondern das niedersächsische Göttingen mit 120.000 Einwohnern. Fast ebenso viele Menschen soll das Pilgerfeld vor der kleinen Kapelle in Etzelsbach beim Papstbesuch fassen. Mehr als 60.000 Besucher haben sich schon registriert. Erfurts Bischof Joachim Wanke appellierte jüngst noch einmal an Gläubige und Interessierte: "Kommen Sie nach Etzelsbach, Sie sind uns im Eichsfeld ganz herzlich willkommen!"

Seit August laufen die Vorbereitungen für die Veranstaltung. Die Wiesen vor der Kapelle werden auf einer Fläche so groß wie 20 Fußballfelder zum Pilgerfeld hergerichtet. Wo sonst Kühe grasen, rollen derzeit Straßenbaufahrzeuge. Der Boden wird befestigt und geteert; doch soll nach der Veranstaltung die Umgebung wieder in ihren Ausgangszustand zurückversetzt werden. Die nahegelegene Autobahn A38 wird auf einer Länge von zehn Kilometern gesperrt und zum Busparkplatz umfunktioniert. 20 Kilometer Kabel werden verlegt, das Mobilfunknetz verstärkt. "Wir schaffen die Infrastruktur einer mittleren Stadt", resümiert der Bischof.

In Berlin ist der Aufwand nicht annähernd so hoch, denn die Infrastruktur ist vorhanden. Anfangs war geplant, die Heilige Messe mit dem Papst am 22. September auf dem Platz vor dem Schloss Charlottenburg zu feiern. Doch als klar wurde, dass der zu klein ist, wurde sie in das Olympiastadion verlegt. 70.000 Besucher werden erwartet, aus ganz Deutschland, aber vor allem auch aus dem gläubigen Polen. 16 Fernsehkameras sollen den Gottesdienst aufnehmen, 20 TV-Sender werden ihn weltweit übertragen.

Papstbank

Die letzte Station seiner Deutschlandreise führt den Papst in das Erzbistum Freiburg. Am Samstag, den 24. September wird er unter anderem ein "Gebetsvigil mit Jugendlichen von 13 bis 30 Jahren" feiern. Für die Abschlussveranstaltung am Sonntag auf dem Flugfeld in Lahr wurden spezielle, rustikale Holzbänke angefertigt, um das Ereignis naturnah zu gestalten. Anschließend sollen sie verkauft werden; mehrere hundert Vorbestellungen sind bereits bei den Produzenten eingegangen. Wer nicht auf die sogenannte Papstbank warten will, kann sich bereits jetzt im offiziellen Onlineshop mit Fanartikeln eindecken.

Bisher haben sich zu den öffentlichen Großveranstaltungen mit Benedikt XVI. bereits eine Viertelmillion Besucher angemeldet. Tendenz steigend.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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