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Tatjana Heid
Papst: An einem Donnerstag in Berlin

STAATSGAST Der Besuch Benedikt XVI. hat in der Hauptstadt für Wirbel, Begeisterung und gesperrte Straßen gesorgt

Ein Tag, eine Stadt, ein Mann. Selten hat ein Staatsbesuch die Hauptstadt so polarisiert wie der von Papst Benedikt XVI. - religiöser Führer der katholischen Kirche und Staatsoberhaupt des Vatikan. Die einen jubelten, die anderen protestierten. Berlin: eine Stadt im Widerstreit der Gefühle.

Pariser Platz, 7.30 Uhr

Gegenüber dem S-Bahn-Ausgang Brandenburger Tor flattert die Vatikanflagge, erste Fernsehsender haben ihren Posten bezogen. Noch ist der Durchgang zur Straße des 17. Juni nicht gesperrt, die Gitter stapeln sich rund um das Brandenburger Tor. Es sieht aus, als hätte jemand mit dem Aufbau begonnen und sei unerwartet unterbrochen worden. Zwei Frauen trinken Kaffee aus Pappbechern. "Meinst du, wir kommen heute Abend ohne Probleme nach Hause?", fragt die eine. "Bis wir fertig sind, ist hier eh nichts mehr los", lautet die Antwort. Neben den beiden sammelt ein Mann Müll ein, es riecht nach Pferdeäpfeln. Doch dort, wo sonst Kutschen auf Touristen warten, spazieren um die Uhrzeit nur ein paar Tauben.

Befehlsstelle Bundestagspolizei, 10 Uhr

Im Erdgeschoss des Südostturms vom Reichstagsgebäude herrscht hektischer Betrieb. Beamte kommen rein, Funkgeräte werden abgeholt, getestet, getauscht und mitgenommen. Die Fenster sind verdunkelt, an der Wand flimmert eine Projektion von der abgesperrten Zone rund um den Bundestag. Eine letzte Einsatzbesprechung steht an. Insgesamt sind an diesem Donnerstag vier von fünf Dienstgruppen der Bundestagspolizei im Einsatz.

Osteingang des Reichstagsgebäudes, 10.30 Uhr

Zwei Männer im Frack hissen die Vatikanflagge zwischen Europa- und Deutschlandfahne. Mannschaftswagen der Berliner Polizei rollen an ihnen vorbei, ein Sprengstoffspürhund schnüffelt an den Kanaldeckeln. Beamte markieren die untersuchten Deckel mit giftgrüner Farbe. Unverdächtig. Auch drei Fahrräder, die noch zwischen den rot-weißen Absperrbändern stehen, untersucht der Hund sorgfältig. Eine Frau kommt herbeigeeilt, bringt ihres weg. Die anderen beiden werden kurz darauf abgeholt und in den Polizeiabschnitt 34, Nähe Kanzleramt, gebracht. Fahrräder sind hier heute verboten.

Brandenburger Tor, 12 Uhr

Die Gegend um den Bundestag ist gesperrt, vor dem Brandenburger Tor dagegen tummelt sich ein gemischtes Publikum: Polizisten, Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe, Passanten laufen durcheinander, dazwischen die üblichen Touristenattraktionen. Pferdekutschen bieten ihre Dienste an, ein als DDR-Grenzbeamter verkleideter Mann lässt sich mit Touristen fotografieren. Mittlerweile auch eingetroffen: die ersten Papstprotestler. Ehemalige Heimkinder stehen dort, ein als Papst verkleideter Mann, Menschen, die auf Missbrauch in katholischen Einrichtungen aufmerksam machen wollen. Sie geben Interviews, verteilen Handzettel. Der Durchgang zur Straße des 17. Juni ist jetzt gesperrt. Eine 80-jährige Berlinerin steht dort, seit einer halben Stunde wartet sie. Darauf, dass der Papst vorbeifährt und sie ihn vielleicht zu Gesicht bekommt. "Der Papst ist das Oberhaupt meiner Kirche", sagt sie. "Ich musste kommen." Und wenn sie ihn doch nicht sieht? Dann wäre das auch nicht so schlimm. Denn so nah wie an diesem Tag komme sie ihm nie wieder, sagt sie.

Reichstagsgebäude, 13.30 Uhr

Amigo und Amiga, zwei belgische Schäferhunde, suchen die Meldetische vor dem Plenarsaal nach Sprengstoff ab. Acht Hunde der Bundespolizei sind für Benedikt XVI. im Einsatz. Für sie ist es ein Spiel, sie hüpfen, springen, schnuppern. Auch der Andachtsraum, der Plenarsaal und die Besuchertribünen werden auf Sprengstoff abgesucht. Nach etwa zwanzig Minuten brauchen die Hunde eine Pause, dann übernehmen andere. Schichtdienst für Tiere. Sind die Hunde weg, darf keiner mehr die Räume unbeaufsichtigt betreten, sonst wäre die Arbeit umsonst gewesen.

Dorotheenstraße, 14.30 Uhr

Die Ampeln schalten unbeirrt von Grün auf Rot und wieder zurück, doch die Straße ist leer. Abgesperrt. Wo sich sonst die Autos stauen, fahren nur noch Polizeiwagen entlang. An der Ecke Schiffbauerdamm/Luisenstraße werden regelmäßig Fußgänger und Radfahrer angehalten. Drei Touristen wedeln mit einem Stadtplan, fragen die Polizistin, die ihnen den Weg abschneidet, nach einer anderen Route zum Brandenburger Tor. Derweil möchte ein Pfarrer zusammen mit acht Kindern und einer Gemeindemitarbeiterin näher an das Reichstagsgebäude herankommen. Sie sind für den Papstbesuch aus Regensburg angereist. Während die Erwachsenen mit der Polizei sprechen, laufen zwei Mädchen mit ihren Fotoapparaten auf die abgesperrte Brücke. Polizisten fangen sie wieder ein. Traurig, dass es hier nicht weitergeht, sind die Kinder aber nicht. "Wir sind ja nachher im Olympiastadion", sagt eine. "Aber wo wir schon mal hier sind, möchten wir sagen: Wir finden es ganz schön peinlich, dass manche Abgeordnete wegbleiben wollen", fügt eine andere hinzu.

S-Bahn nach Blankenfelde, 15.40 Uhr

Eine Gruppe Linke-Abgeordnete trifft sich eher zufällig in der S-Bahn vom Brandenburger Tor zum Potsdamer Platz. Sie wollen dort zur Protestkundgebung gehen, unter ihnen Barbara Höll. Die Abgeordnete aus Leipzig hat zuvor in ihrem Büro minutenlang überlegt, welche Schuhe sie anziehen soll - die Demo wird sich schließlich einige Stunden hinziehen. Am Kragen trägt sie die rote Aids-Schleife - für sie sinnbildlich für den Gebrauch von Kondomen und einen toleranten Umgang mit Homosexuellen. Die Teilnahme an der Demonstration war für Höll alternativlos: "Die Rede des Papstes ist ein politisches Ereignis und als Politikerin möchte ich eine klare Haltung beziehen", sagt sie.

Osteingang des Reichstagsgebäudes, 16.20 Uhr

Das Reichstagsgebäude gleicht einer Festung, die Straßen sind abgeriegelt. Auf dem Dach stehen Präzisionsschützen, Polizeiboote überwachen die Spree. Manfred Alscher arbeitet seit elf Jahren für den Deutschen Bundestag, an diesem Donnerstag hat er Dienst an der Pforte. Durch die große, gläserne Eingangstür kann er sehen, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) den Papst begrüßt. Dann betreten beide das Gebäude, der Papst in Begleitung von Kardinälen. Alscher steht neben seinen Kollegen und Vorgesetzten, Benedikt XVI. geht in zwei Metern Entfernung an ihnen vorbei. Sein Blick trifft jeden einzelnen der versammelten Personen - auch Manfred Alscher, der von der Ausstrahlung des Mannes beeindruckt ist. "Es war interessant zu sehen, mit welcher Freude er sein Amt erfüllt", sagt Alscher. Den Gottesdienst im Olympiastadion will er sich später im Fernsehen anschauen.

Plenum, 16.48 Uhr

"Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen - vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten." Der Papst beginnt seine Rede. Ebenfalls im Plenum: Renate Schmidt, SPD-Abgeordnete, ehemalige Bundestagsvizepräsidentin und Familienministerin unter Kanzler Gerhard Schröder. Der Bundestag hat sie eingeladen, im schwarzen Hosenanzug sitzt sie auf einem der frei gebliebenen Plätze und lauscht den Worten Benedikts XVI. Es erinnert sie an Reden anderer Staatsbesucher, die sie im Bundestag miterlebt hat - wie etwa den Auftritt von Ronald Reagan im Juni 1982, über den sie jedoch deutlich weniger begeistert gewesen war als über Rede des Papstes, wie sie später sagt. Sie hätte sich allerdings gewünscht, dass er "stärker päpstlich und weniger professoral" gesprochen hätte.

Potsdamer Platz, 16.50 Uhr

Die Protestkundgebung beginnt. Etwa 20 Linke-Abgeordnete, mindestens drei Abgeordnete von den Grünen und einige sehr wenige von der SPD-Fraktion sind dabei. Sie schwenken Parteifahnen, die Linksfraktion hat sich hinter einem Banner mit der Aufschrift "Für die Trennung von Staat und Religion" versammelt. Rund 10.000 Menschen beteiligen sich an dem Protest, zu dem der Lesben- und Schwulenverband unter dem Motto "Keine Macht den Dogmen" aufgerufen hat: Ein Kleinkind spielt mit einer Aids-Schleife, ein 76-jähriger Berliner läuft durch die Massen und fotografiert, ein Transvestit schminkt sein Gesicht kalkweiß, der Freund hält den Spiegel. Am Rand der Menge tanzen zwei Frauen zu Trommelmusik, auf den Plakaten stehen Dinge wie "Liebe heißt Respekt" und "Habemus mamam". Insgesamt sind rund 6.500 Beamte der Berliner Polizei im Einsatz, durch Demonstrationen und Straßensperrungen nimmt der Verkehr teils chaotische Züge an.

Bus zum Olympiastadion, 17.30 Uhr

Unter anhaltendem Applaus verlässt der Papst nach seiner Rede vor dem Bundestag den Plenarsaal Richtung Olympiastadion. Auch die Abgeordneten machen sich auf den Weg, um seiner Messe beizuwohnen. Für sie stehen Busse bereit, die von der Polizei eskortiert werden. Vorbei an Straßensperren und Menschenmassen, die den Weg säumen in der Hoffnung, einen Blick auf den Papst oder einen Politiker zu erhaschen. In einem der Busse sitzt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), der die Rede Benedikts als "intellektuell, religiös und politisch sehr eindrucksvoll" lobt.

Olympiastadion, 18 Uhr

Abendrot über und Flutlicht im Stadion. Benedetto-Rufe und Weihrauch füllen die Luft als der Papst im Papamobil eine Ehrenrunde auf der Tartanbahn dreht. Rund zwanzig Minuten später eröffnet er die Messe: "Lasset uns beten." Um kurz nach acht schließt der Papst die Messe mit einem Segen für die über 60.000 Gläubigen. In einem gewaltigen Chor stimmen sie "Großer Gott, wir loben Dich" an, während der Papst das Stadion verlässt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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