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Gastkommentar
Stephan Löwenstein
Verquickung gewollt

Privatsache ist Religion für mich als katholischen Christen nicht. Schließlich hat Christus seinen Jüngern aufgetragen, öffentlich Zeugnis abzulegen und Gemeinden zu bilden. Das heißt nicht, dass die Religion den Staat bestimmen müsste: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." In einer Demokratie hat der Staat religiös neutral zu sein: Niemand darf in Deutschland wegen seiner Religion benachteiligt oder bevorzugt werden. Folgt daraus aber, dass Staat und Kirche in allem getrennt sein müssen?

Das Grundgesetz verlangt das nicht nur nicht, es sieht sogar ausdrücklich eine Verquickung vor. Der Religionsunterricht ist in der Regel ordentliches Schulfach und findet im Rahmen der staatlichen Aufsicht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften statt - auch das ist ein Grundrecht. Unabänderlich sind diese Artikel indes nicht. Also ist es legitim zu fragen, ob es wünschenswert wäre, Staat und Kirche so strikt zu trennen wie beispielsweise in Frankreich in der Tradition der französischen Revolution.

Angesichts der öffentlichen Mission der Christen - das sind immer noch zwei Drittel der Deutschen - würde das schwere gesellschaftliche Konflikte mit sich bringen. Schon deshalb wäre das nicht wünschenswert. Vielmehr ist es umgekehrt sinnvoll, die wachsende Zahl der Muslime auch dadurch zu berücksichtigen, dass ihnen die Religionsunterrichtung an den Schulen ermöglicht wird, über die natürlich auch der Staat die Aufsicht führt. Die Kirchensteuer, ein anderer Punkt der Verquickung, ist bequem für die Kirchen, aber nicht wesentlich. Doch von den Werken der Religionsgemeinschaften profitiert auch die Allgemeinheit, ob das Kindergärten, Schulen oder soziale Werke sind. Auch deshalb wäre eine strikte Trennung nicht gut.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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