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IST RELIGION PRIVATSACHE?Gastkommentar
Vera Gaserow
Dehnbares Konstrukt

Was haben ein alter Preußenkönig und eine junge Protestpartei miteinander zu schaffen? Immerhin so viel: Der eine dekretierte, jeder möge nach seiner Facon selig werden. Die andere zog jetzt mit dem Slogan "Religion privatisieren!" in den Berliner Wahlkampf. Das klang so krude wie manch andere Forderungen der Piraten-Partei auch. Aber nach dem Papstbesuch ahnt man: Der Ruf nach Privatisierung der Religion hat einen ernsten Hintergrund. Die Papstvisite hat deutlich wie selten gezeigt, dass die im Grundgesetz fixierte Trennung von Staat und Kirche ein dehnbares Konstrukt ist. Es lässt sich nach politischer und weltanschaulicher Präferenz auslegen. Anders ist kaum zu erklären, wie Deutschlands höchste staatliche Repräsentanten jetzt einen Kirchenführer als Chef eines supranationalen Glaubensstaates empfangen haben.

Religion zur Staatsangelegenheit aufzuwerten, passt jedoch nicht zu einer aufgeklärten Republik, die längst aus einer bunten Vielfalt aus Glaubensanhängern und einer wachsenden Schar Konfessionsloser besteht. Die Verquickung ist nicht nur antiquiert. Sie manövriert auch in konfliktreiche Doppelbödigkeit: Wie ernst nimmt ein Staat seine weltanschauliche Neutralität, der muslimischen Lehrerinnen das Kopftuch verbietet, aber das Kruzifix am Pult duldet? Der keine Staatsreligion kennt, aber christliche Feste zu gesetzlichen Feiertagen erhebt und Kirchensteuern eintreibt?

Ob und was wir glauben, geht den Staat nichts an. Stimmt. Aber dann müssen wir Religion auch konsequent zur Privatsache machen. Sie aus staatlichen Sphären zu verbannen, hieße keinesfalls, sie aus dem gesellschaftlichen Leben zu vertreiben. Dort müsste sie sich aus eigener Kraft beweisen. Es hieße, sich ehrlich zu machen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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