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AUFGEKEHRT
Susanne Kailitz
Voller Durchblick

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist in aller Munde. Offenbar, so die Annahme des FDP-Politikers Hans-Michael Goldmann, verstehen Millionen Deutsche die Fristangabe auf ihren Lebensmitteln nicht als grobe Verzehrempfehlung, sondern als bindendes Ablaufdatum, so dass sie vieles in den Müll werfen, was eigentlich noch essbar wäre. Ein Dilemma, an dem die Regierung nicht ganz unschuldig ist: Sie beweist seit Bestehen der schwarz-gelben Koalition stetig, dass politische Produkte - etwa Koalitionen - schon längst schlecht geworden sein können, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum - etwa das Ende der Legislatur - auch nur annähernd erreicht ist. Wie soll der Bürger sich da in der heimischen Küche zurechtfinden?

Es mangelt an Orientierung. Auf die Politiker selbst ist kein Verlass - zumal es auch für deren äußere Zuordnungsmerkmale keine längerfristige Garantie mehr gibt. Keine Mindesthaltbarkeit, nirgends. Hatte man sich gerade daran gewöhnt, besonders seriös wirkende Politprofis an schick-harmlosen Randlosbrillen zu erkennen, scheint der Trend nun hin zu markanten Brillengestellen zu gehen. Das soll vermutlich Kontur und Entschiedenheit markieren. Doch es wäre ein Fehler, sich allzu früh an die neue, entschlossene Optik der Steinmeiers, Westerwelles oder Pofallas zu gewöhnen. Schon erscheint ein neuer Trend am Horizont: Transparenz! Sich von den Piraten verstanden fühlend, will der Wähler zwar nicht an langweiligen Parteiberatungen oder Bürgersprechstunden teilnehmen, aber wenigstens Einblick in alles haben. Dicke Brillenränder um Politikeraugen oder großflächige Informationsetikette auf Lebensmitteln stören da nur die freie Sicht. Hier sollte man ansetzen: Wenn sowohl im Kühlschrank als auch beim politischen Problemlösen keine gammelnden Reste übrig gelassen würden, wären alle aus dem Schneider.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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