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ORTSTERMIN: BEI DEN RUSSISCHEN GRAFFITI IM REICHSTAGSGEBÄUDE
Tatjana Heid
»Moskau - Stalingrad - Berlin«

Berlin brennt. Es ist das Jahr 1945, Ende April. Die Rote Armee belagert die Hauptstadt des Deutschen Reiches, es ist die letzte große Schlacht im Zweiten Weltkrieg. Das Reichstagsgebäude gleicht einer Festung: Im Krieg notbehelfsmäßige Entbindungsstation und militärisches Medizinarchiv, werden die Fenster zugemauert und die Türme mit einer Raketenabwehr ausgestattet. Die Schlacht um Berlin fordert mehr als 180.000 Tote. Am 30. April hissen russische Soldaten die Rote Fahne auf dem Reichstag. Das zwei Tage später nachgestellte Foto geht um die Welt.

Gut 66 Jahre später. Anar Najafov aus Aserbaidschan läuft mit einer Besuchergruppe aus Hamburg durch den Nordkorridor des Reichstagsgebäudes. Er nimmt am Internationalen Parlaments-Stipendium teil und macht ein fünfmonatiges Praktikum bei dem CDU-Abgeordneten Rüdiger Kruse. Eher zufällig bleibt sein Blick an einer der kyrillischen Inschriften hängen. Es ist der Name seines Großvaters. Mamed Najafov. Unterschrift eines Mannes, der beim Sturm des Reichstages dabei war.

Als die Rote Armee den Reichstag einnahm, verewigten sich die Soldaten in den Mauern - mit roten und blauen Fettstiften, mit Kreide, angebrannten Stöcken, Kohle. Diese Graffiti sind Ausdruck des Sieges, des Hohns, des Hasses. Aber auch der Freude. Freude darüber, den Feind bezwungen zu haben, am Leben zu sein. Der Architekt Norman Foster entdeckte die Inschriften, als er 1995 für den Umbau die Reichstagsinnenausstattung entfernen ließ.

Insgesamt sind nach dem Umbau 202 russische Graffiti erhalten geblieben - ein Bruchteil der ursprünglichen Anzahl. Es sind einfache Nachrichten: "Nadja war hier", Marschrouten: "Moskau - Stalingrad - Berlin", Botschaften des Sieges: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten" oder "Ruhm den Helden, die das Banner des Sieges über Berlin gehisst haben". Und manchmal sind es einfach nur Namen. Wie im Falle von Mamed Najafov.

"Er hat gesagt, dass es dieses Graffito gibt, aber wir konnten es nicht überprüfen", sagt sein Enkel heute. Er ist 27 Jahre alt, sein Großvater war 31, als er - aus dem Kaukasus kommend - in Berlin einmarschierte. Anar lebt seit 2005 in Deutschland, er promoviert an der Uni Eichstätt-Ingolstadt. Sein Großvater blieb noch ein Jahr nach Kriegsende in Berlin, als Teil einer Untersuchungskommission, wie Anar erzählt. Sein Großvater habe die deutsche Kultur geliebt. Er habe Deutschland mit Persönlichkeiten wie Goethe und Kant verbunden und nicht mit Hitler.

Mittlerweile ist Mamed Najafov tot. Er hat nicht mehr erlebt, wie sein Enkel Deutsch lernte, wie er anfing, in Deutschland zu studieren. Rund eineinhalb Jahre wird Anar noch hier sein, dann geht er zurück nach Aserbaidschan. Sein Großvater habe geholfen, Deutschland von den Nazis zu befreien, sagt Anar, und damit zur Demokratisierung in dem Land beigetragen. Heute möchte sein Enkel von der deutschen Demokratie lernen. Die demokratischen Werte mit nach Aserbaidschan nehmen, wie er sagt. Sein berufliches Ziel: Politik machen und irgendwann die Rolle einer Brücke übernehmen zwischen Aserbaidschan und Deutschland.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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