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Jörg Biallas
Kurz notiert

Nach 40 Jahren Chaos, Krieg und Unterdrückung begehren die Menschen in weiten Teilen des Nahen Ostens auf. Plötzlich, scheinbar aus dem Nichts, erwacht ein "Arabischer Frühling", den nach der jahrzehntelangen Eiszeit mit eingefrorenen Herrschaftsstrukturen niemand mehr zu erhoffen gewagt hat. Auch nicht einer der profiliertesten Nahost-Kenner des deutschen Journalismus: Ulrich Kienzle. Das bekennt er freimütig in seinem jetzt vorgelegten Buch "Abschied von 1001 Nacht".

Kienzle hat diesen Abschied über Jahrzehnte als Korrespondent in den arabischen Ländern begleitet. Seine Erlebnisse fasst er auch gedruckt so zusammen, wie es sein Publikum am Fernseh-Bildschirm gewohnt war: Er erklärt Zusammenhänge, vermittelt Hintergründe, verdeutlicht Probleme - und trägt damit im besten Sinne des Wortes zur Meinungsbildung bei. Seine Schilderungen wecken Verständnis für die arabische Mentalität. Und sind dabei vergnüglich zu lesen. Vergnüglich? Darf ein Buch, das Krieg, Massenmord und grausamste Verbrechen als Themen nicht ausspart, Vergnügen bei der Lektüre bereiten? Ja, darf es. Jedenfalls dann, wenn die sprachlich gekonnt dargebotenen Schilderungen auf den ersten Blick nichtiger Begebenheiten dazu dienen, das arabische Denken und Fühlen zu erklären. Denn dieses Denken und Fühlen sind Grundlage für despotisches Verhalten, Menschenverachtung und ausgeprägte Bereitschaft zu bewaffneter Auseinandersetzung.

So analysiert Kienzle das arabische Kriegsverständnis als einen Kampf, der - entgegen der europäischen Sichtweise - nicht zum Ziel habe, den Gegner zu vernichten. Vielmehr gehe es darum, mit Waffengewalt die jeweiligen Ziele durchzusetzen, im Zweifel auch mit Verbündeten, die in einem anderen Konflikt noch bekämpft worden sind.

Es ist das große Verdienst dieses Buches, politische Entwicklungen durch die Beschreibungen gesellschaftlicher Merkmale im Nahen Osten greifbar zu machen. Der "Arabische Frühling" lässt sich deutlich besser verstehen und einordnen, wenn Ulrich Kienzles Buch gelesen ist.

Ulrich Kienzle

Abschied von 1001 Nacht

Sagas Edition

352 S. 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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