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Hans Krump
Kurz notiert

Schon Johann Wolfgang von Goethe wusste, dass die Geschichte selbst keinen Standort kennt, wo sie sich sicher beobachten und einschätzen lässt. Nirgendwo sind die Dinge derzeit mehr im Fluss als in der arabischen Welt. Trotz aller Ungewissheiten dort bietet gleichwohl das Werk "Tage des Zorns" von Michael Lüders dem Leser gute Orientierung über das atemberaubende und teils verwirrende Geschehen. In ihm erschöpft sich der langjährige Nahost-Korrespondent nicht in einer Fakten-Darstellung, sondern versucht, die großen Linien der Entwicklungen aufzuzeigen und diese analytisch einzuordnen.

In seinem gutteils essayistisch geschriebenen Buch von den Revolutionsanfängen in Tunesien über die dramatischen Geschehnisse am Kairoer Tahrir-Platz bis hin zu aktuellen Entwicklungen in den Golf-Staaten und in Syrien schildert Lüders plastisch die historischen, politischen und sozialen Verhältnisse "vor Ort". Ohne ihre Kenntnis sind die Revolutionen nicht zu verstehen. So, weshalb die Umwälzungen im stärker mittelständisch geprägten Tunesien oder Ägypten mehr Erfolgsaussichten haben als anderswo. Lüders´ Buch ist eine Philippika gegen westliche Arroganz und Fehleinschätzungen über den Orient: Der Westen habe sich "nicht sehr interessiert für die Menschen in der arabisch-islamischen Welt, man war irgendwie der Meinung, dass Islam und Moderne nicht zusammengeht, man hatte Vorurteile, der Araber braucht eben die harte Hand". Deshalb habe man gerne weggeschaut, wenn autokratische Regime Unruhen niederschlugen - schließlich ging es um geopolitische Interessen, um Israels Sicherheit und sichere Ölzufuhren.

Deshalb habe man im Westen nun große Schwierigkeiten, das Geschehen im Maghreb und Nahen Osten zu begreifen und positiv einzuordnen. Daran führe aber kein Weg vorbei, meint Lüders, auch wenn Rückschläge möglich seien. Im Zeitalter von Facebook und Co. lasse sich der "Arabische Frühling" nicht mehr zurückdrehen. In welche Richtung er sich entwickelt - schon haben (gemäßigte) Islamisten die Tunesien-Wahl gewonnen - weiß auch der Autor nicht.

Michael Lüders Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt

C. H. Beck

207 S. 19,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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