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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Der Geradlinige: Karl Schiewerling

Gradlinigkeit ist eine der Eigenschaften, mit denen sich der Abgeordnete Karl Schiewerling auf seiner Homepage selbst beschreibt. Im Bundestag hatte der arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am vergangenen Donnerstag wieder Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen. Da verteidigte der 60-Jährige gebürtige Essener, der seit 2005 den münsterländischen Wahlkreis Coesfeld/Steinfurt II als direkt gewählter CDU-Abgeordneter im Parlament vertritt, engagiert den Beschluss der früheren Großen Koalition, die Rente mit 67 einzuführen. Dieser bleibe auch heute richtig, sagt Schiewerling im Gespräch in seinem Büro, fügt aber einschränkend hinzu, "wenn die Menschen tatsächlich länger arbeiten können". Dazu gebe es schon heute viele Initiativen, auch seitens Firmen, "die genau wissen, dass sie gar nicht mehr anders können als Ältere künftig länger zu beschäftigen". Das derzeitige Abrücken der SPD von der Rente mit 67, die erst vor wenigen Jahren vom sozialdemokratischen Sozialminister Franz Müntefering propagiert und durchgesetzt wurde, hält er für falsch.

Die Altersarmut ist ein anderes Rententhema, das Schiewerling bewegt. Hier lautet seine Devise, "denen zu helfen, die alles getan haben, was sie konnten". Der CDU-Sozialpolitiker will vor allem ältere Frauen unterstützen, die Kinder groß gezogen haben, womöglich ihre Eltern gepflegt und auch private Vorsorge getroffen haben. Sie sollten als Rentner nicht auf soziale Grundsicherung angewiesen sein. Hier unterstützt er Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU), die ihre geplante "Zuschussrente" für langjährige Versicherte mit Niedriglöhnen an das System der Rentenversicherung statt an die Grundsicherung andocken will.

Ursula von der Leyen - sie ist das "soziale Gesicht" der Koalition - lässt der Unions-Sozialexperte oft den Vortritt: "Ich will, dass wir gemeinsam zum Wohl der Menschen Erfolge haben", sagt Schiewerling, wissend, dass die wichtige Aufgabe des arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Fraktionssprechers selbst ein hochkarätiger Aufsteigerposten ist. 2009 wurde er von der Fraktionsspitze dazu vorgeschlagen ("ich habe nicht gedrängt"), als sein Vorgänger Ralf Brauksiepe (CDU) zum Parlamentarischen Staatssekretär unter Ministerin von der Leyen wurde. Im Arbeits- und Sozialausschuss sitzt Schiewerling seit 2005. Damals kam er ganz ohne Ochsentour in der Partei in den Bundestag. Eine Überraschung. Denn der langjährige Münsteraner Diözesansekretär des Kolpingwerks hatte außer einigen Jahren als CDU-Ratsherr und Chef der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft in seiner Heimatgemeinde Nottuln keine weiteren Parteistationen bekleidet.

Der gelernte Industriekaufmann, der zunächst beim Mannesmannröhren-Werk in Mülheim/Ruhr arbeitete, hatte sich seit 1973 einen Namen als Verbandsvertreter katholischer Organisationen gemacht: als Sekretär beim Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung, dann beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend und zuletzt beim Kolpingwerk Diözesanverband Münster. Hier und nicht in der Partei hat sich Karl Schiewerling sein ganzes (sozial-) politisches Wissen erarbeitet.

Der Sohn eines christlichen Gewerkschafters ist geprägt von der Welt der katholischen Verbände und der katholischen Soziallehre. Sie ist auch für Schiewerling Grundlage eigener sozialpolitischer Vorstellungen. So hat er den katholischen Verbänden ermöglicht, von der Leyen das von ihnen entwickelte Rentenmodell vorzutragen. Es sieht eine auch von Millionären und Beamten mitfinanzierte Sockelrente als erste Säule sowie die weiteren Komponenten aus Pflichtversicherung in der Rentenversicherung ergänzt um Betriebsrenten und privater Altersversorgung vor - das wäre eine Umwälzung des deutschen Rentensystems. Aber auch die Katholiken im schwarzen Münsterland müssen lernen, dass "ihr" Mann in Berlin nicht alles durchsetzen kann. Wie entspannt sich der offen und sympathisch wirkende CDU-Mann vom Politikerstress? Krafttraining, Wandern und vor allem Radfahren. "Ich mache in Berlin alles mit dem Fahrrad", sagt er. Jetzt freut sich der Vater dreier Kinder auf die besinnliche Weihnachtszeit daheim im Haus in Nottuln, wo er mit seiner Ehefrau und ihrer 92-jährigen Mutter wie in einem Mehrgenerationenheim zusammenlebt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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