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Jörg Biallas
»Elder statesman« in Grün: Wolfgang Wieland

Damals in den 1970er Jahren: die Haare lang, die Parka oliv und die Gesinnung links bis links außen, jedenfalls aber gegen "die da oben". Und heute? Heute gibt´s die Piraten-Partei. Wolfgang Wieland schmunzelt. "Ja, stimmt schon", sagt der Mitbegründer der Alternativen Liste in seiner Heimatstadt Berlin dann mit blitzenden Augen, "da gibt es Parallelen." Als die grüne Bewegung sich anschickte, eine politische Partei zu werden, sei es "ähnlich unsortiert" und ebenso "herrlich unbedarft" zugegangen. Und doch sieht der 63-Jährige einen entscheidenden Unterschied: "Wir hatten 1.000 Ideen und deutlich mehr Inhalte als die Piraten." Als Manko der neuen Bewegung will Wieland diese Aussage aber nicht verstanden wissen. "Die kommen doch sympathisch rüber", sagt er und rät Politikern aller Couleur, sich mit Kritik zurückzuhalten. "Entzaubern können nicht andere die Piraten, entzaubern können die sich nur selbst."

Zauber und Entzaubern, Auf und Ab seiner eigenen Partei hat Wolfgang Wieland über Jahrzehnte hautnah miterlebt. Als Mitglied und Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus, als Justizsenator und Bürgermeister, schließlich als Bundestagsabgeordneter. Heute ist der Jurist so etwas wie ein "elder statesman" seiner Partei. Einer, dem sie zuhören, dessen Rat sie schätzen. Wie zuletzt, als die Hauptstadt-Grünen sich nach der Wahl-Niederlage von Renate Künast so beharkten, dass nach der Option einer Regierungsbeteiligung auch die Fraktion im Abgeordnetenhaus zu zerbersten drohte.

Inzwischen gilt seine Partei, einst als Bürgerschreck angetreten, vielen als konservativ. Warum? "Natürlich sind wir mittlerweile etabliert", weicht Wieland zunächst halblaut aus, um dann doch entschlossen zu antworten: "Das bedeutet aber nicht, dass wir auf Kreativität und Esprit verzichten." Winfried Kretschmann, der im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg gewählte erste grüne Ministerpräsident - ein Mann mit Esprit? "Der gute Winfried ist eigenwillig, manchmal auch eigensinnig, auf jeden Fall ein Original." Ein Grüner, vielleicht kein typischer, aber gewiss ein bemerkenswerter.

Ein wichtiger Punkt in der politischen Bilanz des alten Jahres ist für Wolfgang Wieland - selbstredend - der Beschluss zum Ausstieg aus der Atomenergie, den seine Partei seit ihrer Gründung gefordert hat. Wie gut und richtig dieses Votum gewesen sei, ist für Wieland schon daran abzulesen, dass die Bevölkerung alternative Energien bereitwillig annehme: "Die wollen den Ausstieg, daraus kann die Industrie, kann die Wirtschaft etwas machen."

Und 2012? Was bringt das neue Jahr? Natürlich die ungelösten Fragen rund um Europa. Emotional, sagt Wieland, werde das Thema schon deshalb behandelt, "weil dann jeder sofort an sein Portemonnaie denkt". Die komplexen Zusammenhänge des europäischen Finanzsystems und die komplizierten Mechanismen der Euro-Rettung seien für Laien fast nicht zu durchdringen. Da machen Bundestagsabgeordnete keine Ausnahme: "Es fällt mir schwer, eine fundierte eigene Meinung zu bilden." Oft sind Sätze wie diese in der Politik nicht zu hören.

Im Unterschied zur Finanz- ist Wolfgang Wieland in der Innenpolitik Fachmann. In seiner zweiten Legislaturperiode im Bundestag ist er Fraktionssprecher für innere Sicherheit sowie Mitglied und Obmann im Innenausschuss. Die jüngsten Entwicklungen in der rechtsextremen Szene hält der verheiratete Vater zweier Kinder für eine enorme Herausforderung: "Wir müssen Lehren aus den Nazi-Morden ziehen, das ist ein zweiter 11. September gewesen." Welche Lehren? Ein NPD-Verbot? "Ja", sagt er und warnt gleichzeitig: "Die rechtsextreme Gewalt ist damit aber nicht erledigt." Dagegen müsse mit allen Mitteln vorgegangen werden. Wie übrigens auch gegen die so genannten national befreiten Zonen, die Neonazis willkürlich als Hoheitsgebiete beanspruchen und Ausländern den Zutritt verwehren. "Die müssen wir ihnen wegnehmen."

Besonders auf diesem Gebiet will Wolfgang Wieland helfen, diese Gesellschaft zu verändern. Entschlossen und leidenschaftlich, so wie damals im Parka und mit langen Haaren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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