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Susanne Kailitz
Beachparty statt Seniorenteller

ALTER Die Generation 60plus ist viel fitter als vielfach angenommen. Die Koalition will das Bewusstsein dafür schärfen

Für die US-amerikanische Schauspielerin Joan Collins, inzwischen 78 Jahre alt, ist die Sache klar: "Alter ist irrrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein." Doch so gelassen gehen nur wenige Menschen mit dem Thema um. Geht es um ältere Menschen, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Hermann Kues (CDU), am vergangenen Donnerstag im Bundestag, herrsche allzu häufig die Wahrnehmung von Krankheit und Gebrechlichkeit vor. Lebensfreude, Humor und Abenteuerlust stünden nicht im Mittelpunkt. Es sei "nicht selbstverständlich, das Herbstgold zu sehen", betonte Kues.

Das soll sich ändern - und zwar nicht nur in den Köpfen der älteren Menschen selbst, sondern in der gesamten Gesellschaft. Man müsse die "Altersbilder positiv fortentwickeln", heißt es in einem Antrag der Koalitionsfraktionen (17/8345), der zur Beratung in den Ausschuss für Familie, Frauen, Senioren und Jugend überwiesen wurde. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, Maßnahmen zur Verbreitung positiver Altersbilder zu ergreifen, verstärkt die Potenziale der zweiten Lebenshälfte zu aktivieren und an die Kommunen zu appellieren, eine Infrastruktur auch für das bürgerliche Engagement Ältere zu gestalten.

Vielfalt der Lebensformen

Diese Erkenntnis fußt auf den Ergebnissen des Sechsten Altenberichts (17/3815), der ebenfalls zur weiteren Beratung an den Familienausschuss überwiesen wurde. Danach beruhen "aktuell vorherrschende Altersbilder noch auf der Wahrnehmung früherer Generationen". Die Vielfalt der Lebensformen und "gerade auch die Stärken der älteren Menschen von heute" würden "damit nicht widergespiegelt und somit auch in ihrer Entfaltung gehindert". Welches Bild in einer Gesellschaft vom Alter herrsche, sei aber auch wichtig für die heute Jungen: Das wirke sich auf verschiedene Lebensbereiche aus, denn es definiere, welche Rollen älteren Menschen in der Gesellschaft offen stehen und was von ihnen in diesen Rollen erwartet wird. Denn: Wer heute ein Bild vom Alter hat, in dem man sich bestenfalls am Seniorenteller erfreut, der wird für sich selbst kaum für möglich halten, mit 60plus an Beachpartys teilzunehmen.

Wille zu Engagement

Wie aus dem Bericht hervorgeht, verbinden viele mit dem Altern in erster Line die Angst vor Pflegebedürftigkeit, Abhängigkeit und Demenz. Dabei, das stellen Union und FDP in ihrem Antrag heraus, seien die meisten Menschen zwischen 60 und 80 Jahren heute geistig und körperlich fit, viele könnten und wollten sich engagieren oder auch über die Grenze von 67 Jahren hinaus arbeiten. Alter solle deshalb nicht einseitig, sondern so dargestellt werden, dass die "vielfältig vorhandenen Stärken älterer Menschen deutlich werden".

Die Koalition sieht sich bei der Implementierung dieser neuen, realistischeren Bilder vom Alter auf dem richtigen Weg. Beispielsweise sei es eine Erfolgsgeschichte, dass der Bundesfreiwilligendienst für Senioren geöffnet wurde, unterstrich Hermann Kues. Auch die Mehrgenerationenhäuser hätten sich bewährt. Mit der Pflegezeit, die es Arbeitnehmern ermöglicht, sich für bestimmte Zeit von der Arbeit freistellen zu lassen, um Angehörige zu pflegen, habe Schwarz-Gelb eine "Lösung für einen erheblichen Teil der Bevölkerung hinbekommen" und stärke den Zusammenhalt der Generationen. FDP-Familienexpertin Nicole Bracht-Bendt sagte an, die Koalition werde bestehende Altersgrenzen daraufhin überprüfen, ob sie nötig seien. Für die Union betonte Norbert Geis (CSU), man kenne die Leistungsfähigkeit der Älteren von vielen Beispielen aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur. Sie würden aber noch zu sehr "als Ausnahmen gesehen". Geis kündigte an, über eine Wiederauflage der Eigenheimzulage nachzudenken - wenn man wolle, dass Familien ihre Eltern "heimholen können", müsse ihnen auch ein Leben mit genügend Platz ermöglicht werden.

Auch die Opposition ist davon überzeugt, dass viele ältere Menschen noch viel leisten wollen - sie wirft der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) allerdings Versagen dabei vor, eine geeignete Altenpolitik zu entwickeln. Der Altenbericht sensibilisiere zwar, sagte Petra Crone (SPD), sie vermisse allerdings eine konkrete Handlungsempfehlung an die Politik. Das zuständige Ministerium kürze und streiche überall und setze dabei auf eine "auch aufgezwungene Freiwilligkeit". Ältere brauchten zwar keine Bevormundung, wohl aber "Stütze und Begleitung". Die Grünen-Abgeordnete Elisabeth Scharfenberg betonte, notwendig sei eine "aktive Altenpolitik" -die Leitung des Familienministeriums, wo diese eigentlich gemacht werden müsse, sei aber "ein Desaster". Ministerin Schröder "mogelt sich durch ihr Amt", indem sie auf "lustlose Appelle und freiwillige Selbstverpflichtungen" setze.

Armut ausgeblendet

Noch heftigere Kritik kam von der Linksfraktion: Sie stellt die gesamte Intention des Altenberichts in Frage. Die Regierung entwerfe das Bild des 75-jährigen fitten, wohlhabenden Rentners als "Prototyp aktiven Alters" und blende dabei diejenigen älteren Menschen aus, die ihren Lebensabend in Armut und Krankheit verbringen müssten. Ihre Fraktion, sagte Linken-Parlamentarierin Heidrun Dittrich, verweigere sich dem "Zwang zur Erwerbstätigkeit", den die Regierung als "gesellschaftliche Teilhabe durch Arbeit" verkaufe und setze auf ein Konzept der solidarischen Mindestrente. Die "Leistungsminderung" älterer Menschen sei Realität; es sei nicht selbstverständlich, dass Menschen das vorgegebene Ruhestandsalter von 67 erreichten.

Unter den Abgeordneten selbst dürfte diese Interpretation auf Unverständnis stoßen: 37 der insgesamt 620 Abgeordneten sind 67 Jahre und älter. Susanne Kailitz z

Aus Politik und Zeitgeschichte

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