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Jan Eisel
Aufs Huhn gekommen

ANTIBIOTIKA In deutschen Ställen werden zu viele Medikamente verabreicht. Die Opposition fordert, sie in der Tierhaltung weitgehend abzuschaffen. Die Regierung setzt auf bessere Kontrollen

Auf der Internationalen Grünen Woche ist die ländliche Welt noch in Ordnung. Auf der weltgrößten Messe für Landwirtschaft, die in dieser Woche in Berlin staffindet, kann man glückliche Hühner in geräumigen Käfigen vor bäuerlicher Kulisse picken sehen. Doch die Idylle trügt. Ein Jahr nach dem Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter erregt jetzt der Antibiotikaeinsatz bei der Tierhaltung erneut die Gemüter.

Nachdem der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Anfang Januar eine Untersuchung veröffentlicht hatte, wonach auf jeder zweiten in Supermärkten gezogenen Hänchenfleischprobe resistente Keime nachgewiesen wurden, setzten die Grünen das Thema "Eindämmung des massiven Einsatzes von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung" am vergangenen Mittwoch in einer Aktuellen Stunde auf die Tagesordnung. Zuvor hatte die Koalition im Agrarausschuss einen Antrag (17/8157) der SPD abgelehnt, in dem die Fraktion eine Strategie zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes gefordert hatte. Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) hat unterdessen einen Gesetzentwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vorgelegt, um den Einsatz von Antibiotika zu beschränken. Er wurde an die Länder und Verbände verschickt und soll im März im Kabinett beraten werden.

Antibiotika als Prophylaxe

Bereits im November 2011 hatten Studien aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ergeben, dass rund 96 Prozent der Masttiere in der konventionellen Landwirtschaft Antibiotika verabreicht werden. Es wird vermutet, dass die Tiere die Mittel nicht aufgrund von Krankheiten, sondern rein prophylaktisch ins Futter gemischt bekommen. Auf diese Weise würden Mäster hygienische Defizite in den Ställen ausgleichen oder die Mittel als Wachstumsförderer missbrauchen.

In den Augen Friedrich Ostendorffs (Bündnis 90/Die Grünen) fehlt es der Regierung an Rezepten, gegen den übermäßigen Einsatz von Medikamenten in der Tierhaltung vorzugehen. "Wir befinden uns inmitten der nächsten großen Lebensmittelkrise, doch die Bundesregierung wiegelt ab", kritisierte er Ministerin Aigner. Die "industrielle Massentierhaltung" sei die Ursache für den Einsatzbedarf von Antibiotika. Mit den Medikamenten würden Probleme in der Haltung überdeckt: "Ohne Antibiotika bricht dieses System zusammen", sagte er und forderte Vorgaben für geringere Besatzdichten in Ställen.

Bundesverbraucherschutzministerin Aigner entgegnete der Kritik, dass "es bereits geltende Rechtslage ist, dass weder für prophylaktische Zwecke noch zur Wachstumsförderung Antibiotika verwendet werden dürfen". Aigner verwies darauf, dass die Zuständigkeit der Kontrollen auf Länderebene liege und man bereits 2008 eine Antibiotikaresistenzstrategie auf den Weg gebracht habe. Mit einem Maßnahmenpaket wolle sie zusätzlich dafür Sorge tragen, dass die Überwachung effektiver, schneller und unbürokratischer erfolgen könne - vorausgesetzt, die Länder "ziehen mit", so Aigner. Weiter erklärte die Ministerin, dass die Verschreibung von Wirkstoffen, die in der Humanmedizin Verwendung finden, für Tiere verboten werden könne. Sie sprach sich aber gegen ein grundsätzliches Verbot der Anwendung in der Tiermedizin aus: "Wer verhindern will, dass ein krankes Tier behandelt wird, der verweigert Tierschutz", betonte sie.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warf der Regierung vor, die Diagnose zum Tabu zu erklären und deswegen keine Therapie vorzulegen, "denn ohne die massenhafte, nicht indizierte Antibiotikaabgabe würde die Massentierhaltung nicht funktionieren", erklärte er. Das habe zur Folge, dass momentan mehr Antibiotika ihre Wirkung verlören als auf den Markt kämen. Sich daraus entwickelnde Resistenzen seien für den Menschen gefährlich, weil im Falle einer Infektion die Wirkstoffe nicht mehr helfen. Christel Happach-Kasan (FDP) zeigte sich besorgt, dass die Opposition das Thema dramatisiere und damit der Landwirtschaft schade: "Resistenzen werden gebildet, weil in der Humanmedizin nicht sorgfältig genug mit Antibiotika umgegangen wird", sagte sie.

Gleichzeitig warf sie Lauterbach vor, die Landwirte zu beschuldigen, statt Lösungen in der Humanmedizin anzubieten. Die Ursache von Problemen bei Lebensmitteln sieht die Biologin in der Führung der Betriebe: "Wir brauchen ein besseres Hygienemanagement", forderte sie.

Verhindern statt heilen

Auch die Linksfraktion sprach sich dafür aus, Krankheiten bei Tieren zu verhindern anstatt sie zu behandeln. "Wir brauchen Haltungsbedingungen, die die Tiere gesund halten", sagte Kirsten Tackmann. Sie forderte eine bessere Ausbildung und Bezahlung des eingesetzten Personals in den Ställen.

Dieter Stier (CDU/CSU) konnte die von den Grünen ausgemachte Lebensmittelkrise nicht erkennen. Alle wären sich einig, "dass der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung weiter reduziert werden muss", sagte er. Das gehe nur durch konsequente Kontrollen: "Dazu müssen den Bundesländern auch zusätzliche Möglichkeiten gewährt werden", forderte Stier und begrüßte die geplante Verschärfung des Arzneimittelgesetzes. Die richtige Anwendung der Mittel hänge aber auch von der Sachkunde der Landwirte ab. Sie müsse gefördert werden.

Stier möchte daher den Tierärzten ins Stammbuch schreiben, in Zukunft durch eine restriktivere Verschreibungspraxis mehr Verantwortung beim Medikamenteneinsatz zu übernehmen: "Nur so können Tiere wirksam behandelt werden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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