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Verena Renneberg
Angstgegner der Atomwirtschaft: Sigmar Gabriel

Siggi Pop" wurde er genannt. Damals, als Sigmar Gabriel das neue Amt des Pop-Beauftragten der niedersächsischen SPD bekleidete. Das war von 2003 bis 2005, direkt nach seiner Zeit als Ministerpräsident - und der Tiefpunkt seiner politischen Karriere. 1999 hatte er den Posten des Landeschefs von Gerhard Glogowski übernommen. Damit war er der dritte Ministerpräsident Niedersachsens in nur einer Legislaturperiode. Sein Amt verlor Gabriel schließlich an den jetzigen Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU).

Ansonsten ging es meistens bergauf. Geboren und aufgewachsen ist Gabriel in einem der wenigen Gebirgszüge des geografisch eher platten Bundeslandes, im Harz. Unweit der deutsch-deutschen Grenze kam Gabriel 1959 im beschaulichen Goslar zur Welt. Der Vater war aus Schlesien, die Mutter aus Ostpreußen geflüchtet. Als Gabriel gerade einmal drei Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Am Ende eines langen Sorgerechtsstreits kamen Gabriel und seine Schwester zur Mutter. Von der habe er das "Gerechtigkeitsgefühl geerbt", wird Gabriel später sagen.

Nicht weit entfernt von seiner Heimatstadt liegt ein weiterer Höhenzug Niedersachsens: die Asse, mit bis zu stolzen 234 Höhenmetern. Weniger bekannt für frische Bergluft als für sein Atommülllager. Seit Mitte der 1960er Jahre dient das ehemalige Salzbergwerk als Lagerstätte für den strahlenden Abfall. Aktuell lagern hier 126.000 Behälter, mitten im Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel, dem Wahlkreis von Sigmar Gabriel. Es ist Deutschlands einziger Bundestagswahlkreis mit gleich zwei umstrittenen Atommülllagern; denn im Stadtgebiet Salzgitters liegt der Schacht Konrad. Prägend für den SPD-Politiker, der sich der Umweltpolitik verschreibt und den Atomausstieg Deutschlands nicht nur fordert, sondern auch vorantreibt. 2005 wird er Bundesumweltminister im Kabinett Schröder, 2007 fährt er persönlich in die Asse ein. Ein Medienereignis, das er 2012, mittlerweile als SPD-Bundesvorsitzender, erneut inszeniert. Denn das Erkundungsverfahren für die Rückholung der radioaktiven Abfälle ist zeitlich in Verzug geraten. Seine Pressekonferenz trägt den filmreifen Titel "Asse II: 2012 - Das Jahr der Entscheidung". Heimvorteil. "Die Leute wollen, dass man vor Ort ist", erklärte er am Freitag im Bundestagsplenum. Sie hätten nur noch "sehr, sehr geringes Vertrauen" und seien "zornig", weil nichts geschehe. Umso mehr begrüße er den neuen Lenkungsausschuss.

Filmreif sind auch die rhetorisch versierten Auftritte des SPD-Politikers, der als Mitglied der "SPD-Troika" als einer der potentiellen Kanzlerkandidaten gilt. "Keine Lügen mehr", forderte er nach Fukushima von Angela Merkel. Und noch mal: "Keine Lügen." Im Juni 2011 beschließt der Bundestag schließlich "seinen" Atomausstieg. Fehlt nur noch eine geeignete Endlager-Regelung. Für Gabriel keine bloße Altlast, die sich nebenbei regeln ließe, sondern "das größte nukleare Problem, das wir in Deutschland haben und womöglich über Deutschland hinaus". Vielleicht gerade deshalb nimmt er seine Aufgabe als Oppositionspolitiker mit Leidenschaft wahr. Scharf beobachtet er die Arbeit der Regierung - vor allem ihre Energiepolitik natürlich: "Die Merkel-Koalition fährt die Energiewende vor die Wand", erhebt er via Facebook den virtuellen Zeigefinger. Das passt, denn in seinem früheren Leben war er Lehrer an einem Goslarer Gymnasium, das er selbst einst als Schüler besucht hatte. Deutsch, Politik und Soziologie hatte er dafür studiert; eine solide Basis für die Politik.

Bereits als Schüler trat Gabriel der SPD bei. Das war 1977. Seit 2005 ist er Mitglied des Bundestags, im Vermittlungsausschuss ist er stellvertretendes Mitglied. Die Tage der Sitzungswochen beginnt der Seeheimer auf dem Laufband eines Fitnessstudios in Berlin. Ausdruck von Selbstdisziplin, die der Statur nicht unbedingt anzumerken ist. Privat wird Sigmar Gabriel mit seiner Lebensgefährtin bald vor den Traualtar treten; zuvor erwartet das Paar das erste gemeinsames Kind. Für Gabriel sind es die zweite Ehe und das zweite Kind, er hat bereits eine Tochter aus einer früheren Beziehung. Mindestens drei gute Gründe also, sich eine atomenergiefreie Zukunft und eine Regelung für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle zu wünschen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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