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Tatjana Heid
Kurz notiert

BERLIN

Maultaschen, Käsespätzle, Nürnberger Würstchen - die Speisekarte von Iavor Zvetanov ist vor allem eins: deutsch. Bulgarisch ist hier, in seiner Kneipe im Berliner Bezirk Neukölln, außer Zvetanov selbst, nur noch der Wein. "Kein Mensch weiß, dass es in Bulgarien guten Wein gibt", sagt er. "Man kennt ihn in Deutschland nur aus dem untersten Regal im Supermarkt." Deswegen gibt es bei ihm Wein aus Bulgarien - ein Tribut an die Heimat sozusagen.

Zvetanov kommt aus Belene, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Rumänien, die vor allem für ihr geplantes Kernkraftwerk und ein Arbeitslager bekannt ist, in dem zu kommunistischen Zeiten Regimegegner ermordet wurden. Im Jahr 1994 ging Zvetanov nach Berlin, eigentlich um zu studieren und dem Wehrdienst in Bulgarien zu entgehen. Doch als 19-Jähriger im Berlin nach dem Mauerfall - Zvetanov wollte lieber etwas erleben als sich mit Büchern zu quälen, wie er erzählt. Schließlich begann er, hauptberuflich als Kellner zu arbeiten. Heute gehören dem 36-Jährigen die "Kindl-Stuben" - eine Kneipe im Berliner Chic mit niedrigen Dreibeintischen, Plüschsofas und Stehlampen. Auf den Tischen stehen Kerzen, an der Wand hängen Fotografien von Sartre.

An Berlin gefalle ihm vor allem das Bunte, das Internationale, sagt Zvetanov. Neukölln mit seinem hohen Ausländeranteil, den arabischen Brautmodengeschäften und den orientalischen Klängen, die in die Geschäfte locken sollen, ist Synonym für dieses farbenfrohe Miteinander - und Zvetanov nicht nur mit seiner Kneipe ein Teil davon.

Seine Frau ist Deutsche mit türkischen Wurzeln. Für Zvetanovs Familie war das zunächst nicht ganz leicht zu verkraften, schließlich verbindet die Türkei und Bulgarien eine jahrhundertelange schwierige Nachbarschaft. 500 Jahre war Bulgarien unter osmanischer Herrschaft, die aus dieser Zeit verbliebene türkische Minderheit wurde ihrerseits unter dem kommunistischen Regime diskriminiert. Zvetanovs Familie zeigt, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Mit seinen Kindern spricht er bulgarisch, seine Frau türkisch. Untereinander reden sie deutsch. Es ist Zvetanov wichtig, dass seine Kinder seine Sprache beherrschen - auch wenn er selbst nach den vielen Jahren in Deutschland im Bulgarischen inzwischen häufiger stolpert als früher. "Manche Dinge kann ich gar nicht auf Bulgarisch sagen", sagt er. "Lohnsteuerjahresausgleich zum Beispiel." Ein typisch deutsches Wort eben.

Was ihn im Bulgarischen an sprachliche Grenzen bringt, gefällt ihm an Deutschland prinzipiell gut - das Organisierte, die Pünktlichkeit. Und die Fußballnationalmannschaft. Aus seiner alten Heimat vermisst er vor allem zwei Dinge: seine Familie und die Sonne. Und ein bisschen auch die Lebensweise. "Die Bulgaren", findet er, "sind entspannter."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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