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Sebastian Borger
Kurz notiert

LONDON

Fred Karlsson war 26 Jahre alt, als er den großen Entschluss fasste. Sein musikalisches Talent hatte dem Schweden viel Beifall und einen Job als Organist in der örtlichen Kirchengemeinde eingebracht. Nebenbei jobbte er im Lebensmittelgeschäft seiner Eltern im Landkreis Skene/Kinna, 50 Kilometer südöstlich von Göteborg. Ein geruhsames, geordnetes Leben - ein bisschen zu geruhsam, fand er: "Ich wollte weg von daheim und etwas anderes ausprobieren." Der Musiker bewarb sich am London College of Music und wurde prompt genommen.

Der Sprung aus der tiefsten schwedischen Provinz in die Weltstadt gelang. Karlsson fühlte sich wohl, sein Englisch ist so perfekt, "dass ich heute als Engländer durchgehe". Das Leben in England brachte auch privat Glück: Seine Frau Sarah, eine Grundschullehrerin, ist Einheimische. Was Europa und die EU angeht, konnte der Schwede die vorherrschende pragmatische Skepsis verstehen, die auch Sarah empfindet. "Ich selbst fühle mich mehr als Europäer als sie", erzählt der 45-Jährige "ich habe damals mit Überzeugung für Schwedens EU-Beitritt gestimmt." Zumal für ein kleineres Land sei die EU wichtig. Und: "Ein bisschen Geben gehört auch dazu." Diese Sichtweise sei indes in England zunehmend unpopulär.

Karlssons erstem Studien-Abschluss folgte ein Masters-Studium in Chorleitung. Eine feste Stelle war rasch gefunden: Das Amt des Organisten bei der Friedhofsverwaltung von Golders Green bringt ein Grundeinkommen und lässt Nebenjobs zu, so dass Karlsson mehrere Klavier- und Orgelschüler privat unterrichtet. Zudem gehört zu der Stelle eine Dienstwohnung, was im teuren London wichtig ist.

Als Sarah 2000 die Chance erhielt, für ein Jahr in Atlanta (USA) zu arbeiten, zeigte sich die Friedhofsverwaltung flexibel und stellte ihren Angestellten frei. Diese Zeit hat Karlsson in wunderbarer Erinnerung: "Gerade in den US-Südstaaten sind die Leute so unglaublich freundlich." Mit der schönen Erinnerung verbindet sich ein kritischer Blick aufs Langzeit-Gastland: "Mir fehlt hier oft das offene Wort. Es gibt zu viel Gerede hinter dem Rücken der Betroffenen."

Die Enttäuschung über eine Intrige, die seinen ehrenamtlichen Dienst an einer Nord-Londoner Kirche beendete; die Routine der Trauerfeiern; die Bedürfnisse der beiden Kinder Magnus und Eva, die sich noch immer ein Zimmer teilen - derzeit würde Karlsson, "sofort zugreifen, wenn sich anderswo eine Chance böte". Inzwischen ist ihm auch die Ruhe in der Heimat wieder sympathischer als vor zwei Jahrzehnten. Und als Kirchenmusiker habe man es dort viel leichter.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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