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ORTSTERMIN: UBERGABE DES NEUESTEN ABGEORDNETENDOMIZILS
Verena Renneberg
»Ein Stück Wiedervereinigungsgeschichte«

Im Berliner Regierungsviertel wurde am Donnerstag "ein Stück Wiedervereinigungsgeschichte" geschrieben, wie es Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) bei der Übergabe eines weiteren Abgeordnetendomizils nannte: 207 Büros auf fünf Etagen dienen fortan einigen der 620 Mandatsträger als neue Arbeitsplätze. So werden die anderen Gebäude des Bundestags entlastet.

Einst gehörte das Gebäude in der Wilhelmstraße 65 zum DDR-Außenministerium. Nach umfänglicher Modernisierung und Neugestaltung durch die Architekten Lieb + Lieb überreichte Ramsauer den Schlüssel dem neuen Hausherren, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).

Ein unterirdischer Gang zum Jakob-Kaiser-Haus sorgt dafür, dass die Abgeordneten trockenen Fußes den Plenarsaal im Reichstagsgebäude erreichen. Kein Tunnel, sondern mit seinen 14 Metern Länge eher ein "Tunnelchen", bemerkte der Verkehrsminister bei den Feierlichkeiten im neuen Foyer. Wer von dort aus mit dem Fahrstuhl etwa acht Meter in die Tiefe fährt, dem schlägt grellgelbes Licht entgegen: Im Tunnel sind in die Wände in regelmäßigen Abständen gelbe Neonröhren eingelassen, die auch über die Decke gehen und so einen Bogen bilden. Sie finden auch in der Ansprache des Bundestagspräsidenten Erwähnung, denn "Licht" stehe in einem "nahezu kausalen Zusammenhang mit Parlamentarismus" und sei eine "Motivation" für die Abgeordneten "zur Wahrnehmung ihres Mandats".

Mit Blick auf die gern diskutierte Kunst am Bau fügte Lammert hinzu, in diese "scheinbare Randfrage" sei viel Ehrgeiz investiert worden. Drei Kunstwerke zieren fortan das Gebäude, eines davon ist der Lichttunnel im Untergeschoss. Ein weiteres schmückt die Wand hinter dem Rednerpult im Foyer: 15 Reihen mit jeweils 20 Büchern wurden auf der weißen Wand installiert, in immer gleichen parallelen Abständen, so dass sie zusammen eine rechteckige Fläche ergeben. Das Kunstwerk wiederholt sich noch einmal im dritten Stock, so dass insgesamt 600 Bücher die Wände zieren. Die Titel sind nicht erkennbar, denn alle Bücher wurden in den unterschiedlichsten, knalligen Bonbonfarben lackiert. Die Zahl der Bücher steht für die ungefähre Zahl der Abgeordneten im Bundestag; die Farbvielfalt für die Unterschiedlichkeit der Mandatsträger und auch der ihrer Wähler. Schöpfer des Kunstwerks ist der Schweizer Peter Wüthrich. Der Lichttunnel wurde von der Berlinerin Gunda Förster kreiert. Das dritte Kunstwerk schließlich ist eine Skulptur im Innenhof. Der Schöpfer ist ebenfalls Schweizer, Beat Zoderer. Seine Skulptur ist genauso bunt wie die seines Landsmannes: scheinbar überdimensionale Mikado-Stäbe stehen in einem Kreis; nur ein Metallring - das Dach - verbindet sie.

Nichts erinnert hier mehr an die Substanz des Gebäudes, einen Plattenbau, der Mitte der 1970er Jahre errichtet wurde. Ein Abriss und Neubau hätten sich finanziell nicht rentiert. So ist aus dem Sitz eines DDR-Ministeriums eine Stätte des gesamtdeutschen Parlaments geworden. Die Wiedervereinigung sei ein Prozess, "an dem wir uns tagtäglich erfreuen", sagte der Bundestagspräsident, "und ganz besonders an einem Tag wie diesem".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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