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Helmut Stoltenberg
Die Fundgrube

HISTORIE Das neue »Datenhandbuch zur Geschichte des Bundestages« zeigt 20 Jahre gesamtdeutscher Parlamentsarbeit

Frage: In welcher Legislaturperiode wurden Abgeordnete im Bundestag am häufigsten zur Ordnung gerufen? Antwort: in der ersten von 1949 bis 1953 - damals wurden sage und schreibe 156 Ordnungsrufe ausgesprochen. Zum Vergleich: In der Legislaturperiode von 2005 bis 2009 gab es zwei Ordnungsrufe. Frage: Welche Frau hat als erste im Bundestag eine Regierungserklärung abgegeben? Antwort: am 30. Januar 1975 die damalige Bundesfamilienministerin Katharina Focke (SPD), 1994 gefolgt von Irmgard Schwaetzer (FDP), damals Bauministerin. Die dritte war Angela Merkel (CDU) am 9. Februar 1995 - sie brachte es als Umweltministerin allein in der damaligen Wahlperiode gleich auf fünf Regierungserklärungen.

Das Spiel ließe sich endlos fortsetzen, ein Quiz für alle Politikinteressierte und "Parlamentsbegeisterte": Wie alt war das jüngste Bundestagsmitglied aller Zeiten? (19 Jahre, Anna Lührmann) Wie viele Politiker haben dem Bundestag jemals angehört? (3.550 zu Beginn der laufenden Wahlperiode) Welche Partei wies bislang prozentual den höchsten Frauenanteil unter ihren Abgeordneten auf? (Die PDS 2002 bis 2005 mit 100 Prozent - mit nur zwei Frauen)

Fast 2.000 Seiten

Nachzulesen ist das alles und unendlich viel mehr im "Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages". Das bislang in acht Druckausgaben und drei CD-Rom zu unterschiedlichen Zeiträumen vorliegende Nachschlagwerk bietet eine fast unvorstellbare Fülle an Daten, Fakten und Hintergründen rund um das Geschehen im Bundestag. Allein die jüngste Ausgabe zu den Jahren von 1990 bis 2010 umfasst knapp 2.000 Seiten; das dreibändige Werk zu den ersten 50 Jahren der Republik kommt auf fast 4.400 Seiten.

Unverzichtbares Hilfsmittel

Dabei ist der gigantische Wissensfundus des Datenhandbuchs keineswegs nur als Inspirationsquelle für Quiz-Liebhaber geeignet: Das Werk ist vielmehr ein "unverzichtbares Hilfsmittel für jeden, der sich aus wissenschaftlichem oder publizistischem Interesse, aber vielleicht auch aus Leidenschaft für die parlamentarische Demokratie über den Bundestag informieren will", wie Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) im Vorwort der jüngsten Ausgabe schrieb. Der Gymnasiast, der sich über die Dauer von Regierungsbildungen informieren soll, wird hier ebenso fündig wie der Journalist, der Fakten zur wechselnden Zahl Parlamentarischer Staatssekretäre braucht. Dem Wissenschaftler, der das Oppositionsverhalten im föderalen System anhand der Zahl der Vermittlungsverfahren zwischen Bundestag und Bundesrat erforschen will, ist mit dem Datenhandbuch so gut gedient wie dem Bürger, der wissen möchte, wie viele Abgeordnete in einer Gewerkschaft sind.

Der Blick in die Tabellen hilft auch, das politische Geschehen einzuordnen. Wenn auf Antrag aller Fraktionen ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wird wie jüngst zur Neonazi-Mordserie, lässt sich dort nachlesen, dass dies in der Bundestags-Geschichte bislang einmalig war. Und wenn Joachim Gauck anders als 2010 in der kommenden Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt wird, lehrt das Datenhandbuch, dass auch Richard von Weizsäcker und Johannes Rau erst im zweiten Anlauf ins höchste Staatsamt gelangten.

Seit 1979

Entstanden ist das Datenhandbuch anlässlich des 30-jährigen Bestehen des Bundestages 1979, als es von dem Soziologen Peter Schindler, Mitarbeiter der Parlamentsverwaltung, und einigen Hochschullehrern entwickelt wurde. "Die Grundidee damals war, die in der Bundestagsverwaltung entstandenen Statistiken, die der Öffentlichkeit bis dahin nicht zugänglich waren, zusammenzufassen und wissenschaftlich aufbereitet zum 30-jährigen Parlamentsjubiläum zu publizieren", erzählt der Historiker Michael Feldkamp, der Schindler im Jahr 2000 in der Leitung der zur Bundestagsverwaltung gehörenden Redaktion Datenhandbuch ablöste.

Gerne verweist Feldkamp darauf, dass kein anderes Parlament über ein vergleichbares Kompendium verfüge. Damit zähle der Bundestag zu den am besten dokumentierten Parlamenten der Welt. Kein Wunder, dass er auch immer wieder Anfragen von Journalisten beantworten muss: Ob denn schon früher einmal ein Gesetz in nur vier Tagen durch das Parlament gebracht wurde, wollen die Anrufer dann etwa wissen, und wenn Feldkamp die Antwort nicht im Kopf hat, langt ihm doch ein Griff ins Regal, um im Datenhandbuch fündig zu werden.

Dabei besteht das Werk keineswegs nur aus Statistiken. Da werden die Aufträge von Untersuchungsausschüssen dokumentiert, der Unterschied zwischen Fraktionen und Abgeordnetengruppen erläutert oder der Parlaments- und Regierungsumzug nach Berlin in einer Chronik detailliert nachvollzogen. Überhaupt spiegelt die jüngste Ausgabe die ersten 20 Jahre gesamtdeutscher Parlamentsgeschichte der Bundesrepublik umfassend wider. Seit sie Ende 2010 auch als jederzeit aktualisierbare Internet-Ausgabe (www.bundestag.de/dokumente/datenhandbuch) verfügbar ist, werden pro Monat zirka 18.000 Seitenaufrufe gezählt, wie Feldkamp berichtet. Für ihn ist die gedruckte Fassung deshalb noch lange nicht überflüssig. Das zeige sich daran, argumentiert er, dass die vorletzte Druckausgabe aus dem Jahr 2005 längst vergriffen sei, obwohl das Werk im Internet kostenlos heruntergeladen werden könne.

Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1990 bis 2010. Nomos Verlag, Baden-Baden; 1.964 S., 10 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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