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Jörg Biallas
Hellas im Rettungsring

VON JÖRG BIALLAS

Nein, ein Rundum-Sorglos-Paket ist die vom Deutschen Bundestag beschlossene Finanzhilfe für Griechenland keineswegs. Niemand weiß verlässlich, ob, wann und mit welchen Konsequenzen die Maßnahmen greifen.

Also doch lieber nichts tun und auf Selbstheilung hoffen? Das wäre so, als würde man einem Ertrinkenden den Rettungsring verweigern und ihn damit trösten, spätestens auf dem Meeresgrund habe er ja wieder festen Boden unter den Füßen.

Und doch: Ist es dem deutschen Steuerzahler zumutbar zu helfen? Auch wenn die Sorge wächst, dass das Volumen des Hilfsprogramms in keinem vernünftigen Verhältnis zum absehbaren Effekt steht? Hingegen: Wäre der sichere Kollaps einer Volkswirtschaft in der Euro-Zone eine verkraftbare Alternative? Welche Botschaft ginge davon für die Märkte in anderen EU-Staaten mit schwächelnden Staatshaushalten aus? Können wir es uns wirklich leisten, ein strategisch in vielerlei Hinsicht so wichtiges Land an der Schnittstelle zwischen Okzident und Orient fallen zu lassen? Wäre das Image der EU als das einer starken Gemeinschaft nicht nachhaltig beschädigt? Wie würden potenzielle Beitrittskandidaten reagieren? Oder die Welt außerhalb Europas?

All diese Fragen haben sich die Parlamentarier im Bundestag wieder und wieder gestellt. Und dann haben sie sich, trotz ebenso zahlreich wie nachvollziehbar formulierter Zweifel, mit einer klaren Mehrheit zu Griechenland bekannt. Damit ist zunächst eine ungeordnete und demzufolge unkalkulierbare Insolvenz des Landes abgewendet.

Vielleicht geht von dem Beschluss aber noch eine weitere, viel wichtigere Botschaft aus: Hört her, schmettert die kräftige deutsche Stimme im europäischen Chor, wir wollen die politische Union vorantreiben! Jeder weiß, dazu gehört ein klares Regelwerk für alle Partner, vor allem aber die Möglichkeit, Verstöße gegen diese Abmachungen spürbar zu ahnden. Auch dafür hat die Gemeinschaft der Staaten die Instrumente vorbereitet.

Heute fällt die Vorstellung noch schwer: Der Rückschlag, den die griechische Misswirtschaft Europa gebracht hat, könnte das EU-Team eines Tages zusammenschweißen. Die Hellenen nehmen jetzt bis zur Genesung auf der Ersatzbank Platz. Aus der Mannschaft fliegen werden sie nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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