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Sandra Ketterer
Wenn der Automat lockt

SPIELSUCHT Experten und Abgeordnete beraten über mögliche Schritte zur Eindämmung

Sie blinken bunt, dudeln Melodien und haben diesen verführerischen kleinen schmalen Schlitz. Durch diesen kleinen Schlitz, suggerieren sie, muss der Kunde lediglich wenige Cent einwerfen und erhält unten aus der großen Klappe einen richtigen Schatz. Spielautomaten stehen in wohl jeder Eckkneipe und in Spielhallen. Ihre Nutzung ist umstritten. Die Geräte hätten einen hohen Suchtfaktor und müssten stärker reguliert werden, bemängelten Experten vergangene Woche bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses.

"Sie haben hier eine Branche, die wesentlich auf das Geld Kranker aufgebaut ist", sagte Michael Adams, Professor der Universität Hamburg. Von den Menschen, die in Spielhallen spielten, seien zwar nicht so viele süchtig. "Aber viele der Süchtigen kommen von den Automaten." Es seien die Süchtigen, die der Automatenbranche den Großteil des Umsatzes bescherten. "Die Branche ist gezwungen, die Leute möglichst schnell zur Sucht zu bringen."

"Automatenspiele stellen bereits seit Anfang der 1980er Jahre das suchtrelevanteste Glücksspiel dar", argumentierte Ilona Füchtenschnieder-Petry von der Landesfachstelle Glücksspielsucht Nordrhein-Westfalen in ihrer schriftlichen Stellungnahme. Sie plädierte als Gegenmaßnahme dafür, die Mindestdauer eines Spiels von bisher fünf auf künftig 15 bis 20 Sekunden anzuheben. Auch muss ihrer Meinung nach der maximale Verlust, den ein Spieler in einer Stunde an einem Automaten erleiden kann, deutlich sinken. Bisher beträgt er 80 Euro. Genauso müsse der maximale Gewinn pro Stunde deutlich weniger als die zurzeit möglichen 500 Euro betragen.

"Soll der Unterhaltungscharakter des Automatenspiels gestärkt und das Suchtrisiko gesenkt werden, sind allenfalls Gewinne zu rechtfertigen, die sich an dem durchschnittlichen Nettostundenlohn eines Arbeitnehmers in Höhe von 15 Euro orientieren", gab auch Gerhard Meyer, Professor der Universität Bremen, zu bedenken. 15 Euro müsse ebenfalls der Richtwert für den höchstmöglichen Verlust pro Stunde an einem Automaten werden. Erst wenn Verluste und Gewinne so weit gesenkt würden, könne der Spieler nicht mehr ohne weiteres ruiniert werden.

Grundlage der Anhörung war ein Antrag der SPD-Fraktion (17/6338), in dem diese die Bundesregierung zu einer besseren Bekämpfung der Glücksspielsucht drängt. Die Sozialdemokraten fordern unter anderem eine Ausweitung der Sperrdatei, in der sich Süchtige auch selbst sperren können, auf den Bereich der Geldspielautomaten. Sie verweisen auf eine Studie des Projektes "Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie" (PAGE) der Universitäten Greifswald und Lübeck. Danach benannte gut die Hälfte der befragten Glücksspielsüchtigen Geldspielautomaten als stärkstes Suchtrisiko. Glücksspiel ist in Deutschland überwiegend im Glücksspielstaatsvertrag geregelt, zuständig dafür sind die Länder. Für die in Bars, Kneipen und Imbissen sowie Spielhallen aufgestellten Geldspielautomaten gilt dagegen die Spielverordnung. Dafür ist der Bund verantwortlich.

Zugangskarte diskutiert

Viele der Experten sprachen sich für einen beschränkten Zugang zu Automaten mittels Zugangskarte aus. Professsor Tilmann Becker von der Universität Hohenheim sah darin eine gute Möglichkeit, den Schutz der Süchtigen vor sich selbst zu erhöhen. Auf der Karte, die für jeden Spieler individuell erstellt werde, könne eine Sperre vermerkt werden, ebenso der mögliche Höchsteinsatz eines Spielers. Der Chef des Verbandes der Deutschen Automatenindustrie, Paul Gauselmann, sprach sich für eine allgemeine Zugangskarte für Automaten aus. Die Spieler sollten die Karte etwa vom Gastwirt jeden Tag neu erhalten. Stelle der fest, dass der Kunde jünger als 18 Jahre ist, könne er das Spiel gegebenenfalls verwehren.

Das Fazit der Abgeordneten nach der Anhörung war gemischt. "Ich sehe vor allem Handlungsbedarf im Bereich des Jugendschutzes", sagte Angelika Graf (SPD). Für sie sei es "sehr einleuchtend, dass ein Wirt mit ein bis zwei Leuten hinter der Theke nicht auch noch die Automaten in seiner Gaststätte kontrollieren kann". Karin Maag (CDU) hob die verschiedenen Vorschläge für eine Spielerkarte hervor. Hier werde es leider keine schnelle Lösung geben können. Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) sprach sich für "umfangreiche Prävention und Aufklärung" aus. Eine Nachfrage nach Glücksspiel werde es immer geben, deswegen müsse es legale Angebote mit klaren Regeln geben. "Der Staat macht beim Automatenspiel und bei Sportwetten offensichtlich beide Augen zu", kritisierte Martina Bunge (Die Linke). Wolle er wirklich etwas verbessern, müsse er unter anderem die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen ändern. Harald Terpe (Grüne) sprach sich dafür aus, die Zahl der Spielhallen in Deutschland zu begrenzen und Automaten in Gaststätten zu verbieten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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