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Jörg-Biallas
Vom Leben unterm Nischel

ChEMNITZ Besuch in einer Stadt, die sich dem demografischen Wandel gestellt hat und optimistisch in die Zukunft blickt

Egal". Diese Antwort auf die Frage nach den Namen der Jugendlichen ist wenig ergiebig, die Begeisterung, ein Gespräch zu führen, offensichtlich überschaubar. Woher sie kommen? "Nu ...", - mit kurzem u - sagt einer, deutet mit dem Finger nach oben: "... Karl-Marx-Stadt." Über ihnen thront der riesige Bronze-Schädel des Mannes, der der sächsischen Stadt zu DDR-Zeiten ihren Namen gab. "Dr Nischel", wie die Menschen hier sagen, "der Kopf" also wiegt stattliche 40 Tonnen und ist mit Sockel mehr als 13 Meter hoch.

Nach der Wende durfte er an seinem angestammten Platz vor dem Gebäude in der Brückenstraße, das in der DDR den Rat des Bezirkes beherbergte, bleiben. Die Stadt wurde umgetauft. Karl-Marx-Stadt heißt seitdem wieder Chemnitz. Die beiden Jugendlichen sitzen auf dem Boden am Fuße des Denkmals. Sie entsprechen nicht unbedingt der Idealvorstellung bürgerlicher Eltern von ihren Kindern: bunte Haare, schwarzes Outfit, ausgesprochen pflegebedürftige Kleidung. Die bereits geleerten und die bevorrateten Bierflaschen lassen auf einen längeren Aufenthalt am "Nischel" schließen. Was sie so treiben in Chemnitz? "Nix", und außerdem: "Karl-Marx-Stadt, nicht Chemnitz."

Wunsch nach Identität

Gewiss, diese Namens-(N)ostalgie mag eine Petitesse sein, begegnet dem Besucher aber immer wieder. Der anfänglichen Vermutung, es könnte sich um politisch motivierte Schwärmerei über verklärte sozialistische Vergangenheit handeln, weicht bald der Überzeugung: Hier spielt der Wunsch nach kontinuierlicher Identität mit. Und vielleicht sogar eine Portion Selbstbewusstsein.

Chemnitz - das war über viele Jahre Synonym für eine sterbende ostdeutsche Stadt, zerrissen von unlösbaren DDR-Altlasten und nicht zu erfüllenden Anforderungen der neuen Zeit. Eine Stadt, in der die zahlreichen Industriebetriebe ein Heer von Arbeitslosen hinterlassen haben. Eine Stadt, die früher oder später wehrloses Opfer des demografischen Wandels werden wird. Eine Stadt, aus der wegzieht, wer irgend kann, und bleibt, wer das Ringen um eine lebenswerte Zukunft verloren hat. Und heute? Heute trumpft Chemnitz stolz mit dem selbst gewählten Namenszusatz "Stadt der Moderne" auf. Das klingt hochtrabend, ist aber wahr: Viele der städtebaulichen Wunden, die Krieg und Sozialismus hinterlassen haben, sind geheilt oder wenigstens dabei, zu verheilen. Eine Innenstadt, einst so charmant wie ein riesiger, leerer Parkplatz, ist wieder ein Zentrum geworden. Das spätgotische Rathaus, das früher einsam und einem trotzigen, geschichtsträchtigen Bollwerk gleich inmitten sozialistischer Einheitsbauten fremdelte, ist inzwischen eingebettet in manchmal mehr, manchmal weniger gelungene moderne Architektur.

60.000 Einwohner verloren

Im Rathaus residiert Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. Die SPD-Politikerin war Landtagsabgeordnete und sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst. Seit 2006 steht sie an der Spitze ihrer Heimatstadt Chemnitz, die allein in den ersten 15 Jahren nach der Wende 60.000 Einwohner verloren hat. "Ein dramatischer Einschnitt", sagt sie.

Heute leben 240.000 Menschen in Chemnitz. 2030 sollen es nur noch 218.000 sein. Dennoch ist der Trend, der Stadt in Scharen den Rücken zu kehren, gestoppt; 2011 wurde mit fast 11.000 Zuzüglern die höchste Zuwanderung seit 1990 registriert. Auch die Geburtenrate zeigt wieder nach oben. Und doch: In den EU-Mitgliedsstaaten soll das Durchschnittsalter bis 2030 auf 45 Jahre steigen. In einigen, wenigen Regionen wird hingegen ein Altersschnitt der Bevölkerung von 48 Jahren erwartet. Darunter auch: Chemnitz.

Eine Chance für die Stadt

"Eine Herausforderung", sagt Barbara Ludwig. Zahlen, glaubt die 50-jährige Oberbürgermeisterin, seien aber nicht alles: "Entscheidend ist das Bewusstsein, dass die Wende geschafft ist, das Bewusstsein, dass die eigene Leistungsfähigkeit ausreicht, die Dinge zu verändern." Gewiss, die Chemnitzer würden älter. Aber: "Junge Menschen kommen zum Studium nach Chemnitz - auch aus den alten Ländern, auch aus dem Ausland." Für die Stadt bedeutet das eine Chance, Einwohner zu gewinnen. Das wird aber nur dann gelingen, wenn die Ausbildung an der Technischen Universität (TU) so attraktiv ist, dass Chemnitz Studierende nachhaltig begeistert.

Attraktive Uni

Dafür ist Arnold van Zyl zuständig. Seit fünf Monaten ist der aus Südafrika stammende Professor für Bauingenieurwissenschaften Rektor der TU Chemnitz. "Natürlich", sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs, "ist der demografische Wandel bei uns ein großes Thema." Das sei schon daran erkennbar, dass von den derzeit an der TU lehrenden 156 Professoren in fünf Jahren 42 pensioniert sein werden. Der Hochschule stehen folglich personelle Umwälzungen bevor, die eine Verjüngung des Lehrkörpers mit sich bringen.

In der Studentenschaft gilt Chemnitz als attraktiv. "Wir können nicht mit München oder Berlin konkurrieren", sagt van Zyl. Aber neben den im Vergleich zu Metropolen geringeren Lebenshaltungskosten und fehlenden Studiengebühren lockt eine Vielzahl spannender Lehrangebote in den unterschiedlichsten Fachrichtungen in die sächsische Provinz. Ganz bewusst stellt die TU Chemnitz dabei auch den demografischen Wandel in den Mittelpunkt des Interesses. So gibt es soziologische Forschungsprojekte zum Verhältnis der Generationen, zur Migration in Europa, zur Stadtentwicklung oder zu Entwicklungsprozessen in Partnerschaften im Zeichen einer sich verändernden Gesellschaft.

Simuliertes Altern

Im technischen Bereich werden vor allem die Herausforderungen, die der demografische Wandel für die Arbeitswelt mit sich bringt, untersucht. Schillerndstes Beispiel: der in Chemnitz entwickelte sogenannte Alterssimulationsanzug, der das Hören, Fühlen, die Kraft und Beweglichkeit in verschiedenen Altersstufen künstlich erzeugt. Bei der Entwicklung von Produkten können so von vornherein die Bedürfnisse einer alternden Nutzergruppe berücksichtigt werden. Die Motivation, sich mit diesen Themen intensiv auseinanderzusetzen, beschreibt Rektor van Zyl so: "Wir haben in unserem Hinterhof ein fantastisches soziologisches Laboratorium."

Teil des Erfolges ist darüber hinaus eine enge Kooperation mit der Stadt. "Wir planen, die Universität baulich noch stärker im Zentrum zu verankern", sagt van Zyl. Zudem ist vorgesehen, die einzelnen Standorte der Hochschule mit einer neuen Straßenbahnlinie zu verbinden. Stadt und TU versprechen sich davon mehr studentisches Leben in der Innenstadt, das auch damit zu kämpfen hat, dass von den 11.000 Studierenden 7.000 in die Region pendeln.

Weniger Arbeitslose

Die Chancen stehen gut, dass ihnen allen nach Abschluss des Studiums eine berufliche Zukunft in der Region beschieden ist - wenn sie es denn wollen. Die Arbeitslosenquote, aktuell 10,8 Prozent in der Stadt Chemnitz, ist inzwischen ausgesprochen niedrig - und: "Die Zahl der Arbeitslosen wird weiter zurückgehen", sagt Corinna Wasilkow. Sie ist operative Geschäftsführerin der örtlichen Agentur für Arbeit und glaubt, besonders junge Fachkräfte hätten immer bessere Chancen in der Region. Und die Älteren? "Das ist leider schwieriger." Ein Viertel aller Arbeitslosen sei über 55 Jahre. Auch wenn sich da in den vergangenen Jahren einiges getan habe: Die Agentur-Geschäftsführerin wünscht sich bei der Einstellung älterer Arbeitnehmer mehr Flexibilität bei den Arbeitgebern.

Klaus Gregor Eichhorn ist Anfang 30, in der Stadt geboren und aufgewachsen. Heute arbeitet er hier als Assistenzarzt, in seiner Freizeit schreibt er und macht Filme. Damit will er dazu beitragen, dass seine Heimatstadt auch für junge Menschen attraktiver wird. Mit ihm sitzen die Studentinnen Ines Knöfel und Sarah Langer im Hof des Alternativen Wohn- und Kulturprojektes "Kompott" in der Leipziger Straße. Hier renovieren junge Chemnitzer Abrisshäuser, in denen sie dann leben und arbeiten, etwa als Künstler.

Was anfangs durchaus nicht konfrontationslos mit der Stadt begann, ist mittlerweile ein mit öffentlichen Mitteln gefördertes Projekt. Frei von Konflikten mit der Umgebung ist das Dasein hier gleichwohl nicht. Ines Knöfel fasst das so zusammen: "Die wollen uns nicht." Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit Nachbarn, etwa über Lärm - "obwohl wir genau auf die Vorschriften achten", wie Sarah Langer versichert.

Allerdings gibt es auch andere Erfahrungen. Etwa die, dass intensive Gespräche mitunter auch bei Kritikern des Projektes durchaus Verständnis für die Bedürfnisse der nachwachsenden Generation wecken können.

Attraktivität fehlt

Die drei Chemnitzer eint die feste Überzeugung, dass es der Stadt an Attraktivität für junge Menschen mangelt: Kneipen, witzige Läden, Kulturangebote. Dabei gehe es nicht nur darum, ein akademisches Publikum im Blick zu behalten - "nicht alle jungen Leute studieren".

Menschliche Herausforderung

Spätestens hier wird klar: Der demografische Wandel ist zuvorderst keine technische, keine bürokratische, sondern eine zutiefst menschliche Herausforderung. Letztlich geht es um Fragen wie diese: Wie wollen die Generationen miteinander leben? Wie kann ein gedeihliches Zusammensein organisiert werden? Wie lässt sich gegenseitige Toleranz vermitteln?

Gut beraten ist, wer rechtzeitig nach Antworten sucht. Dann muss niemandem bange sein vor einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft - nicht in Chemnitz, nicht anderswo.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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