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Annette Rollmann
Vorbild Deutschland

BerufSAusbildung Koalition sieht gute Lage für Jugendliche. Opposition kritisiert Unübersichtlichkeit

Verglichen mit dem Ausland ist die Lage auf dem deutschen Ausbildungsmarkt gut. Die Jugendarbeitslosigkeit erreichte im August 8,1 Prozent und liegt damit am niedrigsten in ganz Europa. Zugeschrieben wird dieser Erfolg nicht nur dem demografischen Faktor und dem daraus folgenden Rückgang von Schulabgängern, sondern auch dem dualen Ausbildungssystem. "Die duale Ausbildung hat eine internationale Zustimmung wie nie", sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Donnerstag in der Debatte zur Lage auf dem Ausbildungsmarkt. Immer mehr junge Menschen finden eine Ausbildungsstelle in Deutschland, und immer weniger junge Menschen bleiben im sogenannten Übergangssystem nach der Schule hängen. Länder aus Südamerika, Asien und vor allem aus dem krisengebeutelten Südeuropa interessieren sich daher neuerdings sehr für das deutsche System.

Auch wenn die Opposition die grundsätzlich guten Zahlen auf dem Arbeitsmarkt nicht bestritt, kritisierte sie große Teilbereiche der Regierungspolitik. In Deutschland verharrten von den rund 540.000 Bewerbern für eine Ausbildung rund 30 Prozent im Übergangssystem zwischen Schule und Beruf. Das sei "nicht erträglich", sagte Willi Brase (SPD) bei der Debatte. Dass die Zahl nicht noch höher sei, sei nicht das Ergebnis politischer Maßnahmen, sondern "ein Produkt der demografischen Entwicklung", argumentierte der Sozialdemokrat und stützte sich damit in Teilen auch auf den Berufsbildungsbericht 2012. Das Mitglied des Bildungsausschusses kritisierte, dass es zu viele und zu viele unübersichtliche Maßnahmen im Übergangssystem gebe, das jährlich sechs Milliarden Euro koste.

Schavan konterte diesen Vorwurf: Verglichen mit 2010 sei die Zahl derjenigen, die nach der Schule keine Ausbildung fänden um 5,7 Prozent zurückgegangen. Sie wolle auch in Zukunft diese sogenannten Altbewerber mit verschiedenen Maßnahmen zum Einstieg in die berufliche Bildung unterstützen.

Zudem ging Schavan auf den jetzt schon in einigen Branchen bestehenden Fachkräftemangel ein, der sich noch verstärken dürfte. Sie erinnerte daran, dass die Bundesagentur für Arbeit bis zum Jahr 2025 in Deutschland mit einem Rückgang der Erwerbstätigen um 6,5 Millionen Menschen rechne. "Deshalb müssen wir erreichen, dass die Unternehmen in unserem Land Fachkräfte bekommen." Gerade in der Fläche sei das zunehmend ein Problem. Es müssten dort mehr Ausbildungsstätten geschaffen werden. Denn schon jetzt würden Unternehmen Ausbildungsstellen anbieten, die nicht besetzt würden.

"Generation abgehängt"

Zudem verwahrte sie sich dagegen, über die schon 360 bestehenden Ausbildungsberufe hinaus weitere zuzulassen. Vielmehr müssten "Ausbildungsfamilien" geschaffen werden, also eine Bündelung stattfinden. Unterstützt wurde die Ministerin von Heiner Kamp (FDP), der sagte: "Never touch a running system." Die Opposition solle nicht an den Zahnrädern des gut funktionierenden Ausbildungssystems in Deutschland herumstellen. Allein im vergangenen Jahr sei die Zahl der betrieblichen Ausbildung um vier Prozent gestiegen. Eine Ausbildung bleibe die beste Garantie für gesellschaftliche Integration und Teilhabe in den Arbeitsmarkt. Es habe sich ausgezahlt, "dass wir nicht die Axt an das Berufssystem angelegt haben". Und auch Uwe Schummer (CDU) unterstützte diese Linie. Von den Akademikern seien in Deutschland 3,2 Prozent arbeitslos, von den Menschen, die eine Ausbildung hinter sich gebracht hätten aber nur 2,7 Prozent.

Agnes Alpers (Die Linke) ging vor allem auf die 2,2 Millionen jungen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ein, die gar keine Ausbildung erhalten. Nur noch 22,5 Prozent der Betriebe würden ausbilden, weil gerade bei Kleinbetrieben der "Druck für die Betriebe groß sei. Jeder Auftrag müsse schnell und fachgerecht ausgeführt werden, niemand habe Zeit, den Lehrlingen etwa beizubringen, es gebe keine Ausbilder." Deutliche Worte fand Kai Gehring (Bündnis 90/ Die Grünen) mit der Wiedergabe eines Zitats des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Die Gruppe der 2,2 Millionen ohne Ausbildung nenne der DGB bereits "Generation abgehängt", sagte er. Auch ging er auf die Gruppe der Menschen im Übergangssystem ein. Dabei verteidigte er das Modell DualPlus, das die Grünen erarbeitet haben. Es wird jedoch von einigen Fachleuten und Teilen der Regierungskoalition als nicht praxistauglich und umsetzbar angesehen. DualPlus soll nach Vorstellung der Grünen gerade solchen Jugendlichen die Teilnahme an der dualen Ausbildung ermöglichen, die bisher als nicht "ausbildungsreif" oder "ausbildungsfähig" eingestuft worden sind oder aus anderen Gründen am Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben.

Grundsätzlich setze die Regierung weiter auf eine gute Konjunktur und unternehme wenig. Gehrings Fazit: "Das nenne ich aussitzen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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